Können Kinder auch MS bekommen?

Kind nachdenklich mit Sonne im Rücken

Die Diagnose Multiple Sklerose wird zwar meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gestellt, trotzdem werden 3–5 % der Diagnosen vor dem 17. Lebensjahr gestellt, wobei eine MS-Diagnose vor dem 10. Lebensjahr extrem selten ist.1 In Deutschland leben knapp 2.000 Kinder und Jugendliche unter 18 mit Multipler Sklerose.2

KINDER SIND KEINE KLEINEN ERWACHSENEN!

Die Wissenschaft ist sich einig: Multiple Sklerose bei Kindern und bei Erwachsenen ist dieselbe Erkrankung. Grundsätzlich haben Kinder auch die gleichen MS-Symptome. Trotzdem gibt es Unterschiede:

  • Vor der Pubertät treten hauptsächlich motorische Störungen wie Lähmungen auf und es sind meist mehrere Symptome bei einem Schub.
  • Bei Jugendlichen nach der Pubertät überwiegen sensorische Symptome wie Taubheitsgefühl oder Kribbeln und es tritt meist nur ein Symptom pro Schub auf.3

Interessant ist auch, dass bei Kindern vor der Pubertät genauso viele Jungen wie Mädchen an der MS erkranken.3 Im Erwachsenenalter sind es dann doppelt so viele Frauen wie Männer.4

VERLÄUFT MULTIPLE SKLEROSE BEI KINDERN ANDERS ALS BEI ERWACHSENEN?

Ja. Das junge Gehirn ist einerseits empfindlicher, andererseits aber auch anpassungsfähiger.

Durch die MS kann sich das Gehirn nicht so entwickeln wie bei Kindern ohne MS, deswegen können sich schon früh kognitive Einschränkungen bemerkbar machen. Es treten auch mehr MS-typische Läsionen als bei Erwachsenen auf, die dann in MRT-Aufnahmen deutlich sichtbar sind.

Zwischen den Schüben bilden sich die Symptome jedoch besser zurück, auch wenn Kinder häufiger Schübe haben und meist auch mit stärkeren Symptomen. Oft haben Kinder Phasen, in denen sie vollkommen symptomfrei sind.

Das junge Gehirn kann sich besser erholen und ist flexibler, dadurch schreitet die Krankheit in der Regel langsamer fort. Doch sammeln sich im Laufe ihres Lebens die Nervenschädigungen an.1

Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto geringer sind auch die langfristigen Schädigungen.

WIE WIRD MS BEI KINDERN DIAGNOSTIZIERT?

Wie bei Erwachsenen kommen zur Diagnose von Multipler Sklerose die McDonald-Kriterien zum Einsatz. Eine MRT kann Läsionen im Gehirn und Rückenmark sichtbar machen und liefert damit essentielle Informationen bei der Diagnosestellung und auch später bei der Verlaufskontrolle. Zusätzlich werden in der Regel eine Reihe von Blutuntersuchungen gemacht. Sie dienen vor allem dazu, andere Krankheiten auszuschließen und die MS-Diagnose zu erhärten.

Ausführlichere Informationen zur MS-Diagnose findest Du im Artikel „Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert?“ oder im folgenden Erklärvideo:

Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert?

ERHALTEN KINDER DIE GLEICHE MS-THERAPIE WIE ERWACHSENE?

Grundsätzlich ja, aber auch hier gilt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Es wird also nicht einfach nur die Dosierung reduziert. Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen wird besonders auf deren Entwicklung geachtet.

Viele MS-Medikamente sind erst ab 18 Jahren zugelassen. Das liegt nicht daran, dass sie für Kinder und Jugendliche nicht sicher oder wirksam sind, sondern daran, dass nicht genug Daten aus klinischen Studien für diese Altersklasse vorliegen. MS-Zentren haben jedoch meist viel Erfahrung. Sie können für junge Patienten die MS-Therapie individuell ausrichten und sie an die wechselnden Bedürfnisse von Heranwachsenden anpassen. Dabei liegt der Fokus immer darauf, das Fortschreiten der Erkrankung und damit bleibende Schädigungen zu verhindern.

Wie bei Erwachsenen unterscheidet man in MS-Therapien bei akuten Schüben, verlaufsmodulierende Therapien und Therapien bei hochaktivem Verlauf:

  • Akute Schübe werden meist mit Steroiden behandelt, dabei wird ganz genau darauf geachtet, ob die Therapie Erfolg zeigt oder angepasst werden muss.
  • Sogenannte verlaufsmodulierende Therapien, also Medikamente, die langfristig die Erkrankung positiv beeinflussen, werden bei Kindern möglichst früh eingesetzt, um Langzeitschäden zu minimieren. Immunmodulierende Medikamente wie Antikörper sind erst ab 18 Jahren zugelassen, andere Medikamente für einen milden oder moderaten Verlauf zumeist ab 12 Jahren.
  • Alle Arzneimittel für die Behandlung von (hoch-)aktiver MS sind ebenfalls erst ab 18 Jahren zugelassen. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche gibt. Sie müssen von erfahrenen Ärzten individuell zusammengestellt und immer wieder angepasst werden.1

Neben der Therapie der Erkrankung können auch Symptome spezielle Behandlungen erfordern. Zum Beispiel können Präparate zur Schmerzlinderung zum Einsatz kommen oder andere Medikamente. Physio- und ergotherapeutische Anwendungen ergänzen die medikamentöse Therapie der Symptome und dienen dem Erhalt der Beweglichkeit und der Ausdauer.

Detailliertere Informationen zu den Therapiemöglichkeiten bei MS findest Du in einem Artikel im Bereich Wissen.

ALLTAG MIT MULTIPLER SKLEROSE ALS KIND UND JUGENDLICHER

Kinder mit MS sind genauso schlau wie andere Kinder und können auf ganz normale Schulen gehen. Durch die Schädigung der Myelinscheiden im Gehirn ist aber oft die Nervenleitgeschwindigkeit verzögert. Dies macht sich dann bemerkbar, wenn Informationen schnell verarbeitet werden müssen, z. B. bei Klassenarbeiten.

Wie Erwachsene auch können Jugendliche mit Multipler Sklerose außerdem unter Fatigue leiden, also einer chronischen Müdigkeit. Sie benötigen möglicherweise längere oder häufigere Pausen. Deshalb ist es wichtig, Lehrer und Betreuer über die MS zu informieren, um gemeinsam individuelle Lösungen zu finden.

Kinder mit chronischen Erkrankungen möchten oft „ganz normal“ sein und daher nicht über ihre Krankheit reden. Damit sie aber nicht überfordert oder benachteiligt werden, ist es gut, wenn Freunde und Lehrer sensibilisiert sind, ohne dass das Kind als „behindert“ wahrgenommen wird. Ganz wichtig ist dabei, dass der Heranwachsende in die Gespräche miteinbezogen wird – nicht über ihn reden, sondern mit ihm zusammen.5

SOLL MAN MIT BETROFFENEN KINDERN ÜBER MULTIPLE SKLEROSE REDEN?

Viele Eltern möchten ihre Kinder beschützen und vor schlimmen Erfahrungen abschirmen. Deswegen stellen sie sich vielleicht die Frage, wie weit sie betroffene Kinder über die Erkrankung aufklären sollen. Kinder sind sehr sensibel und merken meist, dass etwas bei ihnen anders ist als bei anderen Kindern. Sie sollten deshalb altersgerecht informiert und in die Therapie mit eingebunden werden.

Quellen:
1. S1-Leitlinie 022/014: Pädiatrische Multiple Sklerose, Stand 01/2016, wird derzeit überarbeitet. Online verfügbar unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/022-014l_S1_Multiple-Sklerose_Kinderalter_2016-02-abgelaufen.pdf, letzter Zugriff: 20.12.2021
2. https://www.atlasofms.org/map/global/epidemiology/number-of-children-with-ms, letzter Zugriff: 20.12.2021
3. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ms-therapie-fuer-kinder-wird-besser-123201/, letzter Zugriff: 20.12.2021
4. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/was-ist-ms/ 5. https://www.multiplesklerose.ch/de/ms-im-kindesalter/, letzter Zugriff: 20.12.2021