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MS-Symptome im Detail: Probleme mit der Blasen- und Darmkontrolle

Ein Schild an der Toilettentür zeigt eine verzweifelte Frau, die auf die Toilette muss.

Multiple Sklerose ist nicht bei jedem gleich. Die Symptome sind vielfältig und nicht alle Beschwerden sind sichtbar. Trotzdem können sie sehr belastend für Dich sein. Zu den unsichtbaren Symptomen gehören auch Probleme bei der Kontrolle über die Blasen- und Darmfunktion.

Vielleicht kennst Du das:

  • Du musst plötzlich auf die Toilette oder öfter als sonst und vor allem nachts.
  • Du hast Schwierigkeiten, Deine Blase zu entleeren.
  • Dir entweicht unwillkürlich Urin oder Stuhl (Inkontinenz).
     

All das kann nicht nur Deine Lebensqualität beeinträchtigen, sondern auch Aktivitäten des täglichen Lebens erschweren, wie Ausflüge mit der Familie oder mit Freunden auszugehen. Auch ein Museumsbesuch oder ein Spaziergang im Wald sind dann manchmal komplizierte Unterfangen. Vor allem dann, wenn ungewiss ist, ob Du Zugang zu einer Toilette haben wirst. Manche Menschen trauen sich deshalb kaum noch aus dem Haus und meiden soziale Kontakte. Viele erzählen aus Scham nichts darüber, oder weil sie Angst haben, ausgegrenzt zu werden.1

Du bist mit Blasen- und Darmproblemen aber nicht allein. Bei einer Befragung von Menschen mit MS gab jeder Dritte Blasenprobleme und jeder Zehnte Darmprobleme an. Die Dunkelziffer ist aber wahrscheinlich viel höher.

Die Beschwerden treten nicht immer am Anfang der Krankheit auf, aber im Verlauf der MS steigt die Zahl der Betroffenen. Leider bleibt etwa die Hälfte von ihnen unbehandelt. Sprich mit Deinem Arzt darüber, auch wenn es Dir schwerfällt oder Dir das Thema unangenehm ist. Für Ärzte und Nurses sind das keine Tabuthemen und sie können Dich über Hilfsmittel und medikamentöse Therapien beraten.2

Infografik Blasenstörung und Darmstörung bei MS. Quelle: MSFP-gGmbH (Stand: März 2018).

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Sesam öffne dich – der Euroschlüssel öffnet über 12.000 behindertengerechte Toiletten

An vielen Orten in ganz Deutschland gibt es spezielle Behindertentoiletten. Damit diese aber wirklich nur von den Menschen genutzt werden, die sie wirklich brauchen, gibt es den sogenannten Euroschlüssel. Der wurde 1986 vom CBF Darmstadt eingeführt. Inzwischen wird das Schließsystem über die Landesgrenzen hinaus genutzt. Der Euroschlüssel gewährt körperlich beeinträchtigten Menschen Zugang zu 12.000 behindertengerechten sanitären Anlagen und Einrichtungen, z. B. an Autobahnen oder Bahnhöfen, in Fußgängerzonen, Museen oder Behörden. Wer Anspruch auf einen Euroschlüssel hat und wie hoch die Kosten dafür sind kannst Du auf der Website des CBF Darmstadt nachlesen.

Wie arbeitet eine gesunde Blase und ein gesunder Darm?3

In der Regel kannst Du es willkürlich steuern, wann Du Deine Blase entleeren willst:

  • Während sich der Urin in der Blase sammelt, dehnt sie sich langsam aus. Die Blasenmuskulatur (Detrusormuskel) entspannt sich, um dem steigenden Volumen Raum zu geben, während der Blasenschließmuskel (Sphinktormuskel) verhindert, dass Urin aus der Blase entweichen kann.
  • Ist die Blase halb voll, meldet sie das über Nervenenden dem Rückenmark und weiter an Dein Gehirn. So entsteht der Harndrang.
  • Ein gesunder Mensch kann den Schließmuskel der Blase willkürlich anspannen, um die Entleerung der Blase zu unterdrücken. Wird dieser Muskel entspannt, kann der Urin aus der Blase abfließen.
  • Der Urinfluss und die Dehnung der Harnröhre bewirken, dass sich die Harnblase zusammenzieht und damit vollständig entleert werden kann.
Infografik Blasenfunktion.

Dein Darm entleert sich üblicherweise zwischen dreimal pro Tag bis dreimal pro Woche.4

  • Dehnt der Stuhl das letzte Darmstück (Rektum), signalisiert es Deinem Gehirn über Nervenverbindungen, dass es bereit ist, sich zu entleeren.
  • Auch hier entspannt sich der äußere Schließmuskel normalerweise erst auf ein willkürliches Signal hin.
  • Damit Du Stuhl absetzen kannst, muss nicht nur der äußere Schließmuskel erschlaffen, es muss sich auch der Bauchinnendruck erhöhen. Dazu spannen sich Bauchmuskeln und Zwerchfell an.
     

Wenn gerade keine Toilette in der Nähe ist und Du keinen Stuhl absetzen kannst, passt sich der Mastdarm nach einer Weile an die vermehrte Füllung an und der Stuhldrang verschwindet wieder.

Wie entstehen die Probleme bei der Blasenkontrolle?

Je nachdem, wo die Nerven im Gehirn oder im Rückenmark geschädigt sind, ist die Signalleitung zwischen Deiner Blase und Deinem Nervensystem beeinträchtigt. Dadurch kann es zu verschiedenen Problemen bei der Kontrolle über Deine Blase kommen.1

Arten der Blasenfunktionsstörungen bei MS1,3,5
Schwierigkeit, Urin zu speichern (Detrusor-Überaktivität)
Bei einer Detrusor-Überaktivität, auch Reizblase genannt, ist Deine Blase überaktiv. Der Blasenmuskel – der sogenannte Detrusormuskel – zieht sich dann öfter als sonst zusammen und das schon bei kleineren Urinmengen. Bei einer Reizblase hast Du starken Harndrang, aber es kommen nur kleine Urinmengen. Außerdem musst Du in der Regel recht häufig zur Toilette. Es kann sogar zur Blaseninkontinenz kommen. Die Symptome treten auch in der Nacht auf.

Verzögerte Blasenentleerung (Blasenobstruktion)
Bei einer Blasenobstruktion ziehen sich die Beckenboden- und Schließmuskulatur um die Harnröhre spontan zusammen, wenn Du Deine Blase entleeren willst. Dadurch wird die Harnröhre wieder verschlossen und der Urin kann nicht vollständig abfließen. Auch eine schlaffe Blasenmuskulatur kann dazu führen, dass die Blase nur unvollständig entleert wird. Mitunter kommt hinzu, dass Betroffene trotz einer hohen Füllmenge in der Blase keinen Harndrang verspüren. Ist Deine Blase irgendwann zu voll, kann sie „überlaufen“. Dann entweicht Dir unwillkürlich Harn in kleineren oder größeren Mengen (Überlaufinkontinenz).

Kombination des Speicher- und Entleerungsproblems (Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD))
Treten Detrusor-Überaktivität und Blasenobstruktion zusammen auf, dann spürst Du einen starken Harndrang, aber Dein Schließmuskel entspannt sich nicht. Es fällt Dir entweder schwer, mit dem Wasserlassen zu beginnen, oder Dein Wasserstrahl stoppt zu früh. Auch hier bleibt Restharn zurück. Deine Blase fühlt sich immer noch voll an und Du verspürst schnell wieder Harndrang.

Wie entstehen Probleme bei der Darmkontrolle?

Normalerweise kannst Du auch die Entleerung Deines Darms willkürlich steuern. Wenn aber die Nerven durch die MS geschädigt sind, kann die Signalweiterleitung zwischen Deinem Darm und Deinem Gehirn beeinträchtigt sein. Dann kommt das Signal zur Entleerung nicht oder nur gestört bei Deinem Darm an. Manchmal funktioniert auch der äußere Schließmuskel nicht richtig oder Dein Darm wird überaktiv und Du bekommst Durchfall. Auch andere MS-Symptome wie Erschöpfung (Fatigue) und Schwierigkeiten beim Gehen können dazu führen, dass Dein Darm träger wird.4

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Blasen- und Darmstörungen können zu Folgeproblemen führen:

  • Bleibt Restharn zu lange in Deiner Blase, kann er bakterielle Harnwegsinfekte und Harnsteine verursachen. Du musst dann nicht nur häufiger zur Toilette, sondern spürst auch ein Brennen. Du kannst dann auch Bauch- und Rückenschmerzen bekommen und sogar Fieber. Dein Urin wird dunkel oder trüb und er riecht streng.3

  • Sammeln sich Stuhlreste in Deinem Darm, kann das auf Dein Harnsystem drücken. Dann können sich Deine Blasenprobleme verstärken.

  • Halten Verstopfungen lange an, kann es sein, dass Du unwillkürlich kleinere oder größere Mengen Stuhl verlierst (Stuhlinkontinenz).4

    Es gibt einiges, was Du tun kannst, um die Auswirkungen der Blasenprobleme zu mildern.

    • Vielleicht bist Du schon auf den Gedanken gekommen, weniger zu trinken, um den häufigen Harndrang zu verhindern? Denk aber daran: Zwei bis drei Liter Flüssigkeit pro Tag zu trinken, ist wichtig,1 um Bakterien und Mineralablagerungen aus der Blase zu spülen, die Infektionen und Harnsteine verursachen können.Ob Du ausreichend getrunken hast, kannst Du in der Regel an der Farbe Deines Urins erkennen. Hellgelber Urin ist ein gutes Zeichen dafür, dass Du eine ausreichende Flüssigkeitsmenge zu Dir genommen hast.3
    • Genug zu trinken, hilft auch, das Risiko für Folgeschäden wie Nierenprobleme zu senken.1
       

    Mit einem detaillierten Tagebuch über Deine Blasen- und Darmaktivität hilfst Du Deinem Arzt, die Art der Probleme zu bestimmen.
     

    • Bei verzögerter Blasenentleerung ist es ratsam, weniger Koffein und Alkohol zu trinken, da sie die Blase irritieren und das Problem verstärken können.3
    • Es kann auch hilfreich sein, regelmäßig etwa alle zwei Stunden zur Toilette zu gehen, um die Blase zu trainieren und zu vermeiden, dass sich Deine Blase zu stark füllt.3
    • Wenn Du vorab weißt, dass Du keinen Zugang zu einer Toilette haben wirst, kannst Du etwa zwei Stunden vorher weniger trinken. Wichtig ist allerdings, dass Du das nur ausnahmsweise machst und Du anschließend wieder auf die empfohlene Flüssigkeitsmenge kommst.3
    • Um den nächtlichen Harndrang zu vermeiden, kannst Du versuchen, nach dem Abendessen nichts mehr zu trinken.3
       

    Regelmäßige Beckenbodenübungen stärken die Muskeln um Blase, Harnleiter, Gebärmutter und Rektum und können so helfen, dringenden Harndrang und Inkontinenz zu mindern.3
     

    • Bei Darmstörungen ist eine zuckerarme und faserreiche Ernährung wichtig, zum Beispiel in Form von bestimmten Obst- und Gemüsesorten sowie Vollkornbrot und -cerealien.3,8 Soweit es für Dich machbar ist, kann auch Bewegung in Form von Spaziergängen, Schwimmen oder speziellen Übungen helfen. Es kann sich auch lohnen, täglich den Zeitpunkt des stärksten Darmentleerungsreflexes als Routinebesuch auf der Toilette einzuplanen. Das ist eine halbe Stunde nach dem Frühstück.4

    Nicht alle Probleme mit Deiner Blase oder Deinem Darm müssen an der MS liegen. Es lohnt sich deshalb, andere Ursachen auszuschließen.

    Frag Deinen Arzt, ob Deine Symptome an anderen Krankheiten als MS liegen können und ob sie vielleicht unproblematische Ursachen haben.

    Ein Harnwegsinfekt: Er lässt sich per Urin-Labortest und andere organische Ursachen per Ultraschall ausschließen. Ärzte können die Restharnmenge per Ultraschall oder Katheterableitung bestimmen; sie liegt idealerweise unter 100 Millilitern.1

    Langanhaltender Durchfall: Er kann auch an einer Magen-Darm-Grippe, Parasitenbefall oder dem Reizdarmsyndrom liegen.4

    Verstopfung: Zuerst sollten mögliche Blasenprobleme als Ursache ausgeschlossen werden. Es kann nämlich sein, dass Du wegen des häufigen Harndrangs durch eine Blasenstörung weniger trinkst, und das kann zu Verstopfung führen. Diese kann aber auch auftreten, wenn4

    • Du zu wenig Ballaststoffe isst oder nicht genug trinkst,
    • Du Dich zu wenig bewegst,
    • Du kalziumhaltige Nahrungsergänzungsmittel oder säurebindende Mittel sowie bestimmte Medikamente gegen andere Krankheiten einnimmst,
    • Du Depressionen hast oder
    • Dein Darm sich an größere Stuhlmengen anpasst, weil Du den Toilettengang immer wieder hinauszögerst. Er meldet sich dann nicht mehr dringlich und es wird mit der Zeit schwieriger, ihn zu entleeren.

    In Deutschland trinkt pro Jahr jeder im Schnitt eine Badewannenfüllung Mineralwasser. Das sind knapp 150 Liter pro Person.

    Für Menschen mit MS ist die empfohlene Trinkmenge 2 bis 3 Liter pro Tag. Indem Du genug trinkst, unterstützt Du Deine Verdauung und Ausscheidung. Dein Körper reguliert über das Trinken auch seine Kerntemperatur.

    Schwitzen erhöht Deinen Flüssigkeitsbedarf. Deshalb ist es gut, wenn Du an heißen Tagen und bei körperlicher Aktivität mehr als 2 bis 3 Liter trinkst, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

    Was trinke ich am besten?

    Am gesündesten sind Wasser und ungesüßte Früchte- und Kräutertees. Kaffee, grüner und schwarzer Tee werden nur in Maßen empfohlen. Auch Saft solltest Du nur wenig oder im Verhältnis 1 zu 3 zu Schorle verdünnt trinken. Limonaden oder Eistees sind als Durchlöscher nicht ideal, denn sie enthalten meist sehr viel Zucker.

    Ein paar Tricks, wie Du leichter auf die empfohlene Menge kommst:

    • Um herauszufinden, wie viel Du jetzt trinkst, kannst Du eine Weile ein Trinktagebuch führen.
    • Es ist leichter, über den Tag verteilt zu trinken als große Mengen auf einmal.
    • Stell Dir zu jeder Mahlzeit ein Glas Wasser hin. Breitere Gläser wirken kleiner als hohe und lassen Dich leichter mehr trinken.
    • Nimm Dir für unterwegs eine Wasserflasche mit und stell Dir auch zu Hause immer eine Flasche in Sichtweite hin.
    • Du kannst Dir auch einen Wecker stellen oder Dich von entsprechenden Apps ans Trinken erinnern lassen.
    • Falls Du Dein Wasser mit etwas Geschmack aufpeppen willst, genügt es meist, einen Spritzer Zitronensaft, eine Obstscheibe oder frische Minze in Dein Wasser zu geben.7,8

Referenzen:
1 Sackmann A, Winke A. Blasenstörungen bei Multipler Sklerose. Herausgeber: DMSG-Landesverband. MS-Magazin NRW 2017; 3; 2 Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Blasen-/Darmstörungen. www.dmsg.de/multiple-sklerose/ms-erforschen/grafiken-des-quartals/monats/berichte-zu-grafiken-des-quartals/monats/blasen-und/oder-darmstoerungen, letzter Zugriff: 05.07.2022; 3 Holland N. Urinary Dysfunction and MS. National Multiple Sclerosis Society 2016. www.nationalmssociety.org/NationalMSSociety/media/MSNationalFiles/Brochures/Brochure-Urinary-Dysfunction-and-MS.pdf, letzter Zugriff: 05.07.2022; 4 Holland N. Bowel Problems. National Multiple Sclerosis Society 2019. www.nationalmssociety.org/Symptoms-Diagnosis/MS-Symptoms/Bowel-Problems, letzter Zugriff: 05.07.2022; 5 Hemmer B. et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 2021. dgn.org/wp-content/uploads/2021/04/030050_LL_Multiple_Sklerose_2021.pdf, letzter Zugriff: 05.07.2022; 6 Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Nicht nur im Sommer: Am besten Wasser trinken, 2018. www.dge.de/presse/pm/nicht-nur-im-sommer-am-besten-wasser-trinken/, letzter Zugriff: 05.07.2022; 7 Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Flyer „Richtig trinken – fit bleiben“. www.dge-medienservice.de/media/productattach/File-1523011430.pdf, letzter Zugriff: 05.07.2022; 8 Lakin L et al., Neurol Ther 2021; 10: 75–98.