Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert?

Wie wird Multiple Sklerose diagnostiziert

Die Multiple Sklerose (MS) wird oft die Krankheit der 1000 Gesichter genannt, denn sie hat zahlreiche Erscheinungsformen. Deshalb ist die Diagnosestellung oft nicht einfach. Und je nachdem, welche Nerven durch die MS-bedingten Entzündungen betroffen sind, können ganz unterschiedliche Symptome auftauchen.

Die Diagnose „MS“ ist deshalb meist ein langer Prozess, denn der Arzt wird zunächst andere mögliche Ursachen in Betracht ziehen und entsprechende Tests durchführen. Erst wenn die Symptome durch nichts besser als durch eine MS erklärt werden können, wird der Arzt die Diagnose stellen. MS ist damit immer eine sogenannte Ausschlussdiagnose.1,2

Da MS in den meisten Fällen eine fortschreitende Erkrankung ist, werden einige Untersuchungen nicht nur zur Diagnosestellung durchgeführt, sondern in der Regel einmal pro Jahr wiederholt, bei Bedarf auch häufiger. So kann der Verlauf der Erkrankung überwacht und der Erfolg einer Therapie verfolgt werden.3 Die Verlaufskontrolle dient auch dazu, die Therapie bei Bedarf an neue Entwicklungen oder veränderte Lebensumstände anzupassen. Genauere Infos dazu findest Du im Kapitel „Verlaufskontrolle“.

DER VERLAUF DER DIAGNOSE

  • Bei einem Verdacht auf MS wird ein Arzt zunächst die Vorgeschichte des Patienten erfragen, vor allem in Hinblick auf frühere Schübe oder neurologische und versteckte Symptome wie Fatigue oder Konzentrationsstörungen. Einige Symptome sind möglicherweise früher bereits aufgetreten und wurden nicht mit MS in Verbindung gebracht.3

  • Als Nächstes folgt die klinisch-neurologische Untersuchung. Ihr Ziel ist es, alle Symptome aufzudecken und festzustellen, welche Organsysteme wie stark betroffen sind. Dazu werden standardisierte Skalen verwendet wie zum Beispiel die EDSS (Expanded Disability Status Scale) oder die MSFC (MS Functional Composite Scale). Mit speziellen Tests, den sogenannten evozierten Potenzialen, können Schädigungen an bestimmten Nerven nachgewiesen werden.

  • Wenn neurologische Symptome festgestellt und andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden, erlauben die McDonald-Kriterien eine schnelle und relativ sichere MS-Diagnose. Dazu sind MRTs und eventuell Laboruntersuchungen der Nervenflüssigkeit notwendig.1,2

Die EDSS-Skala ist eine Maßeinteilung, um körperliche Einschränkungen auf einheitliche Art zu beschreiben. Die Abkürzung „EDSS“ steht für „Expanded Disability Status Scale“. Übersetzt heißt das: „Erweiterte Skala zum Status der Behinderung“. Bei Tests werden Störungen der funktionellen Systeme wie Beweglichkeit, Muskelkraft, Seh- und Tastsinn vom Arzt beurteilt und zu einem Wert zusammengerechnet, dem sogenannten Score.4

Die EDSS kommt vor allem bei der Verlaufskontrolle zum Einsatz. Sie wird aber auch bei der Diagnose genutzt, um den Stand aktueller Einschränkungen zu ermitteln.

Expanded Disability Status Scale (EDSS)

Erweiterte Skala zum Status der Behinderung EDSS Skala

1.0 Keine Behinderung
2.0 Minimale Behinderung
3.0 Mäßige Behinderung, uneingeschränkt gehfähig
4.0 Relativ schwere Behinderung; ohne Hilfe ca. 500 m gehfähig
5.0 Nicht mehr ganztägig arbeitsfähig; ohne Hilfe ca. 200 m gehfähig
6.0 Einseitige Gehhilfe für eine Gehstrecke von 100 m benötigt
7.0 Gehfähigkeit auf höchstens 5 m beschränkt; weitgehend an Rollstuhl gebunden 8.0 Weitgehend an Rollstuhl, Stuhl oder Bett gebunden
9.0 Hilflos, bettlägerig

Es gibt eine Reihe neuropsychologischer Tests, die körperliche und geistige Einschränkungen genauer beleuchten. Hier einige Beispiele:

  • MSFC (Multiple Sclerosis Functional Composite Scale): Hierbei werden die Gehfähigkeit, die Armfunktion und die Konzentration getestet.3

  • FSMC (Fatigue Scale for Motor und Cognitive Functions): Ein Großteil der MS-Patienten leidet unter chronischer Erschöpfung, der sogenannten Fatigue. Diese ist schwer zu messen, da Erschöpfung von jedem Patienten anders wahrgenommen wird. FSMC ist ein etablierter Test, der Fragen zur körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit abdeckt.5

  • MSQOL-54 (MS Quality of Life) besteht aus 36 Fragen zur allgemeinen Lebensqualität und 18 weiteren, MS-spezifischen Fragen. Der Fragebogen ermittelt die körperliche und geistige Gesundheit, es können aber auch detailliertere Bereiche wie emotionales Wohlbefinden, Energie oder Schmerz betrachtet werden.6

Mit diesen Tests wird die Leitungsgeschwindigkeit der Nervenfasern gemessen. Dazu wird ein Sinnesorgan, zum Beispiel das Auge, gereizt und dann gemessen, wie lange es dauert, bis das Gehirn darauf reagiert. Eine verlangsamte Impulsleitung ist ein Hinweis auf Entzündungen der Nervenfasern, wie sie bei MS-Patienten häufig vorkommen. Häufig getestet werden:

  • Visuell evozierte Potenziale (VEP): Reizung des Auges

  • Somatosensibel evozierte Potenziale (SSEP): Reizung eines Nervs an der Hautoberfläche, zum Beispiel an der Innenseite des Unterarms

  • Motorisch evozierte Potenziale (MEP): Reizung eines Nervs oder einer Hirnregion, die ein Muskelzucken auslöst7

Die Magnetresonanztomografie – kurz MRT – des Gehirns und des Rückenmarks ist der Kern der Diagnose und der Verlaufskontrolle von MS. Mit ihrer Hilfe können Läsionen (Nervenschädigungen) sichtbar gemacht werden. Sie können bleibend sein oder nach einem Schub wieder abklingen.

Die MRT verwendet Magnetfelder für die Bilderzeugung, es wird also keine Röntgen- oder andere Strahlung erzeugt. Sie kann deswegen auch sicher während einer Schwangerschaft durchgeführt werden.

Begriffe, die häufig im Zusammenhang mit der MRT verwendet werden, sind die T2-Gewichtung und Gadolinium. Die T2-Gewichtung ist eine bestimmte Einstellung der MRT, mit der Läsionen in Gehirn und Rückenmark besonders gut zu erkennen sind. Gadolinium ist ein Element, das als Kontrastmittel bei der Untersuchung eingesetzt wird und die Läsionen anfärbt.3

Der Liquor ist eine Flüssigkeit, die das Gehirn und das Rückenmark umgibt, und wird auch Hirn- bzw. Nervenwasser genannt. Für die Untersuchung wird Nervenwasser am unteren Ende der Wirbelsäule entnommen. Das nennt man Lumbalpunktion.

In erster Linie wird die Nervenwasseruntersuchung dazu verwendet, Erreger zu identifizieren und somit Krankheitsbilder, wie zum Beispiel Borreliose, als Ursache für die Nerven- und Funktionsstörungen auszuschließen. Es können jedoch auch Antikörper nachgewiesen werden, die auf MS hindeuten.

MS ist eine Autoimmunerkrankung, das heißt, das Immunsystem unseres Körpers bildet Antikörper gegen körpereigene Stoffe. Diese Antikörper sind in Form von sogenannten oligoklonalen Banden im Nervenwasser nachweisbar. Antikörper sind zu groß, um durch die sogenannte Blut-Hirn-Schranke vom Hirn- bzw. Nervenwasser ins Blut zu gelangen, deswegen ist eine Blutprobe für diese Untersuchung nicht geeignet.3 Sind oligoklonale Banden im Nervenwasser vorhanden, ist das ein Hinweis auf eine mögliche MS. Es ist aber kein Beweis. Deswegen müssen weitere Kriterien erfüllt sein, um die Diagnose zu bestätigen.

Die sogenannten McDonald-Kriterien sind der Goldstandard für die Diagnose von MS.1,2 Das bedeutet, sie gelten als derzeit bestes Verfahren, MS zu diagnostizieren, und deutsche, europäische und internationale Fachverbände haben sich darauf geeinigt, diese Kriterien zu verwenden. Sie unterteilen sich in sogenannte klinische (Symptome) und nicht-klinische (Laboruntersuchungen, MRT) Kriterien.

Die McDonald-Kriterien berücksichtigen das Auftreten von Schüben und die Ausbreitung von Läsionen. Läsionen sind Nervenschädigungen im Gehirn und Rückenmark, die mithilfe der MRT sichtbar gemacht werden. Bei nicht-eindeutigen Ergebnissen der MRT-Untersuchung ist zusätzlich der Labornachweis von Antikörpern im Nervenwasser notwendig.

Der schubförmige Krankheitsverlauf und die Läsionen sind typisch für MS. Die McDonald-Kriterien nutzen diese Merkmale, um eine MS von anderen Krankheiten zu unterscheiden. Dabei spielt die räumliche und zeitliche Ausbreitung der Läsionen eine zentrale Rolle.

  • Räumliche Ausbreitung bedeutet, dass sich Läsionen nicht nur in einem einzelnen Hirn- oder Rückenmarksbereich befinden; der Fachbegriff hierfür ist DIS (Dissemination in Space).

  • Zeitliche Ausbreitung beschreibt, dass MS-Patienten typischerweise mit der Zeit weitere und neue Läsionen bekommen. Zwar bilden sich einige Läsionen nach dem Abklingen eines Schubes zurück, doch entstehen immer wieder bleibende Läsionen. Deswegen ist es wichtig, den Verlauf der Krankheit zu beobachten. Der Fachbegriff für die zeitliche Ausbreitung ist DIT (Dissemination in Time).1,2

Übersicht der McDonald-Kriterien2

Übersicht McDonald-Kriterien

Referenzen

  1. Polman CH et al. Diagnostic criteria for multiple sclerosis: 2010 revisions to the McDonald Criteria. Ann Neurol 2011; 69: 292–302
  2. Thompson AL et al. Diagnosis of multiple sclerosis: revisions of the McDonald Criteria. Lancet Neurol 2018; 17: 162–73
  3. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Kapitel Entzündliche und erregerbedingte Krankheiten, Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Stand Januar 2012, aktualisiert August 2014. Verfügbar unter: https://www.dgn.org/leitlinien/2333-ll-31-2012-diagnose-und-therapie-der-multiplen-sklerose, letzter Zugriff: 24.01.2020
  4. Kurtzke JF et al. Rating neurologic impairment in multiple sclerosis: an expanded disability status scale (EDSS). Neurology 1983; 33:1444–52
  5. Penner IK et al. The fatigue scale for motor and cognitive functions (FSMC): validation of a new instrument to assess multiple sclerosis-related fatigue. Mult Scler 2009; 15: 1509–17
  6. Multiple Sclerosis Quality of Life-54 (MSQOL-54); National Multiple Sclerosis Society. Verfügbar unter: https://www.nationalmssociety.org/For-Professionals/Researchers/Resources-for-Researchers/Clinical-Study-Measures/Multiple-Sclerosis-Quality-of-Life-54-(MSQOL-54), letzter Zugriff: 24.01.2020
  7. MS verstehen – Diagnostik. Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e. V. Verfügbar unter: https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-verstehen/vom-symptom-zur-therapie/diagnostik/, letzter Zugriff: 24.01.2020