Prof. Weinman: Es gibt gute Gründe „therapietreu“ zu sein

Portrait Professor Dr. John Weinman
Professor Dr. John Weinman

Wenn Dir ein Arzt ein Medikament verordnet, dann kann er nur hoffen, dass Du es auch entsprechend seiner Anweisungen einnimmst. Therapietreue, so nennt man ein solches Verhalten oder auch Adhärenz. Jedoch weichen nicht wenige Patienten von ihrem Therapieplan und den Anweisungen des Arztes ab. Warum es so wichtig ist, dass Du „therapietreu“ bist, erläutert der Gesundheitspsychologe Professor Dr. John Weinman aus London.

Zur Person:
Professor Dr. John Weinman ist Psychologe und war bis zu seiner Emeritierung am King’s College London tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt ist das Thema Adhärenz und die Frage, welchen Einfluss die Einstellung der Patienten auf ihre Therapietreue hat und welche Gründe es haben kann, wenn eine Therapie nicht entsprechend der ärztlichen Verordnung erfolgt. Professor Weinman ist Berater von Atlantis Healthcare, dem Dienstleister, der Sanofi Genzyme beim Patienten Service Programm „MS-Begleiter Plus” unterstützt.

(Dieses Interview erschien in der MS persönlich, der MS-Begleiter Zeitschrift.)

MS PERSÖNLICH: Herr Professor Weinman, was bedeutet es, therapietreu, also adhärent zu sein?

PROF. WEINMAN: Mit dem Begriff der Adhärenz wird beschrieben, inwieweit sich Patienten an die verordnete Behandlung halten. Das ist sehr davon abhängig, wie überzeugt Patienten davon sind, dass sie eine ernst zu nehmende Erkrankung haben, die durch die Behandlung geheilt oder gebessert werden kann. Die Therapietreue wird also wesentlich von der Einstellung der Patienten zu ihrer Erkrankung geprägt und davon, ob sie glauben, dass die Behandlung für sie notwendig ist.

MS PERSÖNLICH: Inwiefern gibt es Probleme mit der Adhärenz?

PROF. WEINMAN: Tatsächlich folgt ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Patienten bei der Behandlung nicht der ärztlichen Anweisung. Wir unterscheiden dabei zwischen drei Phasen im Laufe der Behandlung. Die erste Phase ist der Start der Behandlung, die zweite die sich anschließende Therapie und die dritte die langfristige Einnahme einer Medikation. In allen drei Phasen kann es Probleme mit der Adhärenz geben. So holt eine Reihe von Patienten, denen ein Medikament verordnet wird, dieses zwar in der Apotheke ab, nimmt es aber gar nicht ein. Auch die späteren Behandlungsphasen können problematisch sein, zum Beispiel weil die Einnahme eines Medikamentes oft einfach vergessen wird oder aber weil das Medikament nicht gut vertragen wird und Nebenwirkungen auftreten.

MS PERSÖNLICH: Wie hoch ist der Anteil der Menschen, die nicht adhärent sind?

PROF. WEINMAN: Wir sprechen von Adhärenz, wenn Patienten etwa 80 Prozent des Medikamentes so wie vom Arzt verordnet einnehmen. Wie hoch der Anteil der Patienten ist, die sich so verhalten, hängt von vielen Faktoren ab, z. B. von der Erkrankung, davon wie lange die Therapie durchgeführt werden soll, von der Wirkung bzw. den Nebenwirkungen der Behandlung und auch von der Frage, wie und wie häufig das jeweilige Medikament eingenommen werden muss. Leider sehen wir aber auch bei chronischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose, dass es vielen Patienten offenbar schwerfällt, die Behandlung konsequent durchzuführen.

MS PERSÖNLICH: Was sind die Konsequenzen einer mangelnden Adhärenz ?

PROF. WEINMAN: Wer den Therapieempfehlungen seines Arztes nicht folgt, muss damit rechnen, dass sich die jeweilige Erkrankung nicht bessern wird und möglicherweise sogar verschlechtert und dass mehr Komplikationen auftreten. Für die Multiple Sklerose bedeutet das, dass eventuell mehr Krankheitsschübe auftreten, dass sich möglicherweise auch Behinderungen ausbilden und dass eventuell die Krankheitsaktivität zunimmt. Leider ist das so manchem Patienten nicht bewusst. Das kann zur Folge haben, dass Medikamente nicht mehr eingenommen werden, wenn man keine akuten Beschwerden hat und sich subjektiv wohlfühlt. Die fehlende Medikamentenwirkung kann dann jedoch auf längere Sicht dazu führen, dass sich die Krankheitssituation verschlechtert und vermehrt Beschwerden und Komplikationen auftreten.

MS PERSÖNLICH: Was kann getan werden, um die Adhärenz zu verbessern?

PROF. WEINMAN: Es ist sehr wichtig, dass Patienten gut über ihre Erkrankung Bescheid wissen, dass ihnen die Bedeutung der Behandlung klar ist und dass sie auch die Konsequenzen einer mangelnden Therapietreue kennen. Es muss ihnen bewusst sein, dass Medikamente nicht wirken können, wenn sie nicht eingenommen werden. Bezogen auf die MS bedeutet das, dass Patienten wissen müssen, dass MS-Medikamente die Multiple Sklerose zwar nicht heilen können, dass sie aber sehr effektiv wirken
und durch ihre Einnahme Krankheitsschübe verhindern und der Entwicklung von Behinderungen vorbeugen können. Das sind wichtige Aspekte, die den Betroffenen helfen, ihre Mobilität und ihre Lebensqualität langfristig zu erhalten.

MS PERSÖNLICH: Was kann man tun, wenn man Schwierigkeiten mit dem konsequenten Durchhalten der Therapie hat?

PROF. WEINMAN: Wenn man Zweifel hat, ob man ein Medikament unbedingt nehmen muss und warum die Einnahme so wichtig ist, sollte man dieses Thema bei dem behandelnden Arzt oder auch bei der MS-Nurse ansprechen. Denn es ist wichtig zu verstehen, warum das Medikament verordnet wurde und was es bewirkt – vor allem wenn man aktuell keine Beschwerden hat. Auch wenn man Schwierigkeiten mit der Einnahme hat, sei es, weil man keine Injektionen möchte oder weil man regelmäßig nach der Einnahme mit Nebenwirkungen zu kämpfen hat, hilft in aller Regel ein offenes Wort dem Arzt gegenüber. 

Man muss sich dabei nicht schämen oder Schuldgefühle entwickeln, dass man die Therapie nicht schafft. Viel wichtiger ist es, gemeinsam mit dem Arzt zu beraten, was konkret das Problem ist und dann eine entsprechende Behandlungsform zu finden, die man gut durchhalten kann. Auch wenn man häufig die Einnahme der Therapeutika vergisst, sollte man Rat beim Arzt oder bei der MS-Nurse suchen. So kann man mit dem Arzt besprechen, ob es nicht alternative Möglichkeiten gibt, bei denen man zum Beispiel statt dreimal täglich nur einmal täglich an die Einnahme der Tabletten denken muss. Außerdem gibt es Apps, mit denen man sich an die Einnahme erinnern lassen kann. Das alles sind kleine Hilfen, die zu einer guten Therapietreue beitragen können und somit auch dazu, dass die Medikamente die erwartete Wirkung entfalten können.

MS PERSÖNLICH: Herr Professor Weinman, haben Sie vielen Dank für das Interview.

MAT-DE-2101382-1.0-06/2021