MS-Nurse Gülsüm
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Multiple Sklerose und Fasten

Fasten an Ramadan

In diesem Beitrag möchte ich als MS-Nurse mit Euch über Multiple Sklerose und Fasten sprechen.

Beim Fasten wird völlig oder teilweise auf Speisen, Getränke oder Genussmittel verzichtet. Einmal in der Suchmaschine „Fasten“ eingegeben, bekommt man unzählige Treffer und Beiträge, sodass es schwer wird, sich für einen zu entscheiden. Die bekannteste Form ist mit Sicherheit die ketogene Ernährung (Verzicht auf Kohlenhydrate), über die im Zusammenhang mit der MS schon viel diskutiert und geschrieben wurde.

Ebenso beginnt dieses Jahr Mitte April die Zeit, in der Millionen von Menschen zur selben Zeit fasten werden. Viele wissen wahrscheinlich schon, wovon ich spreche. Die Rede ist vom muslimischen Fastenmonat Ramadan. Da diese Zeit für mich durch meine türkischstämmigen Wurzeln und für viele Menschen in Deutschland eine besondere Zeit ist, möchte ich auch ein wenig darüber schreiben.

Aber fangen wir erst einmal mit der grundsätzlichen Frage an, ob man mit MS fasten sollte? Jeder Mensch ist unterschiedlich und genauso verhält es sich auch mit der individuellen MS-Erkrankung jedes Einzelnen. Man kann nicht partout sagen, dass Fasten für jeden MS-Patienten vor- oder nachteilig ist. Vor Beginn sollte daher unbedingt ein Gespräch beim Arzt und ein engmaschiges Monitoring erfolgen. Solange es die medikamentöse Therapie nicht negativ beeinflusst, sollte es aber möglich sein. Nicht zu unterschätzen ist auch die Erfahrung, selber für den Körper etwas Gutes zu tun und damit die Lebensqualität zu steigern. Viele meiner Patienten berichten von positiven Erfahrungen, die Fatigue-Symptome nehmen ab, der Schlaf ist erholsamer, Patienten fühlen sich leichter und fitter.

Momentan im Trend und von mir häufig empfohlen ist auch das Intervallfasten. Es ist in verschiedenen Formen anwendbar und besonders geeignet für Fastenbeginner. Am häufigsten wird die 16:8-Form angewendet. Dabei ist es erlaubt, für acht Stunden zu essen (worauf man Lust hat) und die restlichen 16 Stunden wird gefastet. Die Acht-Stunden-Essensphase kann dabei auch zu verschiedenen Zeiten begonnen werden. Mit der Zeit kann dieses Fasten auch noch optimiert werden, zum Beispiel durch ketogene Ernährung während der Essensphase.

Nun kommen wir aber wie oben erwähnt zum Ramadan-Fasten:

Das Fasten an Ramadan ist wie das christliche Fasten vor Ostern eine religiöse Art des Fastens. Beginn und Ende der Fastenzeit wird nach dem muslimischen Mondkalender bestimmt, daher findet es nicht jedes Jahr zur selben Zeit statt. Im Durchschnitt sind es aber 29 bis 30 Tage, an denen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Genussmittel und Geschlechtsverkehr verzichtet werden muss.

 

Im Grunde darf man vom ersten Sonnenstrahl bis zur Dunkelheit nichts zu sich nehmen. Das hört sich schwierig an und ich muss zugeben, dass es anfangs auch nicht immer einfach ist – der Körper gewöhnt sich allerdings schnell an die Umstellung. Trotz des strikten Verzichts ist es eine Zeit, die von vielen mit Freude erwartet wird.
Aber können bzw. sollten gläubige MS-Patienten im Ramadan fasten? Könnte der komplette Verzicht auf Nahrungsmittel und Wasser die Krankheit negativ beeinflussen?

Die Antwort darauf ist wie oben schon beschrieben von Patient zu Patient unterschiedlich. Natürlich sollte ein Gespräch mit dem Arzt stattfinden. Dies ist allerdings erfahrungsgemäß ein Dilemma für manche Patienten. Die Angst vor Vorurteilen oder pauschal negativen Antworten ist häufig groß. Aus diesem Grund wenden sich viele Patienten an mich als MS-Nurse.

Meine Empfehlung ist immer: Hört auf Euren Körper!

Wenn ihr Euch in der Lage fühlt zu fasten, Euch in einem stabilen Gesundheitszustand befindet und das Fasten Eurer Therapie nicht im Wege steht, könnt Ihr es versuchen. Achtet dabei darauf, nach dem Fastenbrechen genug zu trinken, Euch gesund und ausgewogen zu ernähren und die Einnahme der Medikamente nicht zu vergessen. Gut geplant klappt es dann meistens auch. Sollte es doch zu einer Verschlechterung der Symptome kommen, solltet Ihr das Fasten abbrechen.

Wenn man als chronisch kranker Mensch nicht in der Lage ist zu fasten und durch das Fasten dem Körper mehr Schaden als Nutzen zugefügt wird, ist man auch nach den offiziellen Ramadan-Regeln ausdrücklich vom Fasten entbunden. Es ist eine Zeit der Selbstreflexion, um zu sich selbst zu finden und mit der Familie und Freunden zusammen zu sein. Viele Patienten, die nicht in der Lage sind zu fasten, bevorzugen stattdessen eine gute Tat zu vollbringen, zum Beispiel in Form von Spenden.

Egal ob Ihr aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen fasten möchtet – eine ausgewogene Ernährung hilft dem Körper, gesund und fit zu bleiben. Wenn Ihr Euch nicht sicher seid, was die richtige Ernährung oder die optimale Fastenform für Euch ist, könnt Ihr immer Euren Arzt oder die MS-Nurse fragen: Diese haben bestimmt gute Empfehlungen und Tipps oder können Euch an die richtige Stelle weiterleiten.

Eure MS-Nurse Gülsüm

 

MAT-DE-2101610 v1.0 (03/2021)