Bettina
Bettina

Minenfeld „Kommunikation“: Die Sicht von Kiras Mutter

Kira und ihre Mutter Bettina

Vor gut zwei Jahren bekam meine Tochter die Diagnose „Multiple Sklerose“, mit gerade mal 25 Jahren. Es ging ihr schon längere Zeit nicht gut, sie hatte immer wieder Beschwerden unterschiedlicher Art, aber als Mutter glaubt man ja, sein Kind zu kennen und Äußerungen einordnen zu können. Durch diese Fehleinschätzung habe ich Hinweise, die ich als Alarmsignal hätte deuten müssen, nicht erkannt.

Ich habe sie abgetan mit Sätzen wie „Stell Dich nicht so an, andere in Deinem Alter schaffen das auch“ oder „Beiß mal die Zähne zusammen, es kommen auch wieder bessere Zeiten.“ Sicherlich gibt es zwischen Mutter und Tochter immer Differenzen und Fehlinterpretationen beiderseits in geführten Kommunikationen. Aber zu den oben genannten Zeitpunkten hätte ich besser zuhören sollen und müssen.

Aber was ist eigentlich Kommunikation: Auf Wikipedia heißt es: „Kommunikation ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen, die auf verschiedene Arten (verbal, nonverbal oder paraverbal) und auf verschiedenen Wegen (Sprechen [Stimmlage, Lautstärke], Schreiben) stattfinden kann.“ 
Das hört sich so eigentlich einfach an, aber ist es das tatsächlich? So einfach?

Wie oft kommuniziert man miteinander und das Gesagte des einen kommt beim Gegenüber ganz anders an oder wird völlig falsch interpretiert. Wie bei meiner Tochter und mir.

Sie teilte mir mit: „Ich bin immer müde und kaputt und kann meinen Frühdienst im Krankenhaus kaum ausüben.“ In meiner Interpretation kam die Botschaft an: „Ich habe eigentlich keine Lust, morgens so früh aufzustehen und dafür abends eher ins Bett zu gehen.“ Sie war jung, ging am Wochenende feiern, warum dann nicht auch früh aufstehen, wenn es zur Arbeit geht? Anstatt zu hinterfragen, was denn los sei, kam so ein typischer Mutterspruch: „Du bist noch jung, andere Pflegekräfte machen das schon seit Jahrzehnten und schaffen das auch.“ Oder die Fortbildung, die im Raum stand und an der sie nicht teilnehmen wollte. Ihre Angst war, zu versagen und das Pensum nicht zu schaffen. Ich unterstellte ihr, dass sie keine Lust zum Lernen hatte und nicht von zu Hause wegwollte, da sie relativ frisch verliebt war.

Erst viel später, eigentlich erst nach der Diagnosestellung, wurde mir klar, wie verletzend und fehl am Platze diese und auch andere Äußerungen waren. Aber rückblickend ist man immer schlauer. Nur dann ist das Gesagte gesagt und die Verletzung ist zugefügt worden. Manchmal ist sie so schwer, dass es für den Verletzten oft schwierig ist, sie überhaupt zu verarbeiten. Hier ist es wichtig, gleich darauf hinzuweisen, dass man verletzend behandelt wurde. Aber traut derjenige es sich in dem Moment? Gerade in engen Beziehungen wie bei uns, Mutter und Tochter, bleiben Dinge oft unausgesprochen, denn man hat Angst vor der Reaktion seines Gegenübers und weiterer Verletzung oder Fehlinterpretation. Aber diese Angst heißt es zu überwinden, denn nur dann können offene Gespräche stattfinden, ohne Verletzungen und vielleicht Schuldzuweisungen. So weiß dann jeder: Wo ist die Schmerz- und Verletzungsgrenze des anderen und wo muss ich Rücksicht nehmen? Bei der Wortwahl, aber auch schon bei der Frage: Muss ich das jetzt wirklich ansprechen oder ist dieses Thema zu heikel. Ist es das generell oder nur jetzt in diesem Augenblick?

Und doch passiert es natürlich immer mal wieder, dass ich wunde Punkte treffe und oder diese als solche aufgefasst werden. Manchmal geht es um banale Dinge (zumindest aus meiner Sicht) und meine Tochter reagiert ungehalten. Dann ist das Unverständnis auf beiden Seiten wieder da. 

Als die Diagnose MS dann ausgesprochen war, musste ich mich in meiner Verständigung meiner Tochter gegenüber neu sortieren. Dinge, die jetzt von ihr gesagt wurden, habe ich versucht, nicht direkt zu kommentieren, sondern erst mal darüber nachzudenken. Wie zum Beispiel die Überlegung, schon kurz nach der Diagnosestellung ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Ein schwieriger Prozess für mich war und ist auch nach 2,5 Jahren noch, die Dinge nicht mit meiner Sichtweise zu betrachten und zu beurteilen, sondern mit der Sicht einer jungen Frau, die an einer schweren chronischen Erkrankung leidet. 

Meine Maßstäbe sind hier nicht anzusetzen. Waren sie vor der Diagnose natürlich auch nicht, aber vorher hat man darüber anders gesprochen und ich wurde oft auch von meiner Tochter nach meiner Meinung und Einschätzung gefragt. Das macht sie heute auch noch, aber ich versuche, mich neutraler auszudrücken. Ich hoffe, es gelingt mir.

Auch die Kommunikation in der Familie, im Bekanntenkreis und bei Arbeitskollegen in Bezug auf mein krankes Kind (ist und bleibt sie ja immer, also mein Kind) gestaltet sich oft schwierig oder macht mich oft traurig. Das Schlimmste, was mir bisher passierte, war, dass es mein Gegenüber gar nicht wirklich interessierte, wie es meiner Tochter geht. Man wird zwar höflicherweise gefragt, aber eigentlich möchte das Gegenüber nur sensationsgeil selber etwas berichten und packt gleich das ultimative Horrorszenario aus: „Also, eine Freundin von mir, die hat das auch und die sitzt jetzt im E-Rolli und kann gar nichts mehr und ein Nachbar geht schon zwölf Monate nach der Diagnose nur noch an Krücken.“ Das sind Sätze, die man dann besonders gern hört ... (Ironie!!!)

Oder wie ist es mit angeblich guten Ratschlägen: „Was, Deine Tochter raucht noch? Das wäre das erste, was ich bei MS lassen würde.“ – „Wie, zum Sport geht sie auch nicht? Aber da würde doch bestimmt die Müdigkeit besser werden.“ – „Und Übergewicht ist bestimmt auch nicht gut. Will sie nicht mal ein bisschen abnehmen?“ Wer darf sich anmaßen zu beurteilen, was gut für einen anderen ist? Liebe Leute, haltet Euch doch einfach zurück mit diesen Äußerungen, es sind keine gut gemeinten Ratschläge, es sind Vorwürfe, und Ihr bringt Euer Gegenüber in eine Rechtfertigungssituation. Als wenn man als Angehöriger einer MS-erkrankten Person nicht schon genug Sorgen und Ängste hat.

Aber glücklicherweise sind das Einzelfälle. Die meisten meiner Gesprächspartner sind einfühlend, mitfühlend und erkundigen sich ehrlich nach dem Befinden meiner Tochter. Wobei man da natürlich auch aufpassen muss: Wem erzählt man wie viel? Kann ich sicher sein, dass es nicht zum Nachteil ausgelegt wird, wenn man ein krankes Familienmitglied hat? Wenn man wegen Krankheit dem Arbeitsplatz fernbleibt, ist man dann wirklich selber krank oder muss man sich um die Tochter kümmern? Wer weiß das schon?

In den zurückliegenden Monaten habe ich viel gelernt durch meine Tochter. Trotz der Diagnose zeigt sie mir immer wieder, wie schön das Leben ist. Ihre Sicht der Dinge hat sich in vielerlei Hinsicht geändert und Ihre Interessen sind ganz andere geworden. Sie setzt sich für andere ein, ist eine noch stärkere Persönlichkeit geworden und zeigt durch Worte und vor allem Taten auch mir, wie wertvoll unser Dasein ist und wie wichtig und wundervoll es ist, neue Prioritäten zu setzen und auch mal eine andere Brille aufzusetzen. 

Direkt nach der Diagnose hat sie uns (ihren Eltern) gegenüber keine Schwäche gezeigt, sondern hat sich Sorgen um uns gemacht, wie wir mit dieser Bürde umgehen, die sie von nun an zu tragen hatte. Damals hätte uns eine offene Kommunikation sehr gutgetan. Wir haben uns oft nicht getraut nachzufragen, wie es ihr geht, denn plötzlich wurde uns die Bedeutung dieser Frage erst bewusst. Auch von Familienmitgliedern hörte ich, dass sie sich nicht trauten, diese Frage zu stellen. Obwohl ich weiß, dass meine Tochter sie nicht automatisch auf die MS bezog. 

Inzwischen stellen alle diese Frage wieder ohne Bauchschmerzen, denn die MS ist nicht das beherrschende Thema. Wenn Untersuchungen oder Medikamentenwechsel anstehen oder Nebenwirkungen zu sehr in den Vordergrund treten, sprechen wir natürlich darüber. Aber dann ist es auch wieder gut. Unser Verständnis und unser sprachlicher Umgang miteinander sind anders geworden. Und ich finde es sehr schade, dass erst eine schwere Erkrankung Auslöser sein musste, um zu einer für uns beide verständlicheren Kommunikation zu gelangen. Aber ich bin froh, dass es jetzt so ist, wie es ist. Und ich bin stolz auf meine Tochter.

Also: Habt Mut, traut Euch und sprecht mit Eurem Gegenüber. Seid offen und ehrlich. Als die Person, die etwas sagt, aber noch wichtiger, als die Person, an die die Worte gerichtet sind. Denn nur so kann eine gute Kommunikation klappen und Verletzungen können weniger werden und im besten Fall finden keine mehr statt. Und wenn Ihr einfach mal nicht wisst, was Ihr sagen sollt, weil Euch die Worte fehlen, fragt, ob eine Umarmung in Ordnung ist. Denn auch sie ist Kommunikation und oft passender als gesprochene Worte.

Bettina

Teil 1:  Minenfeld „Kommunikation“ und die MS: Kiras Sicht

Bettina  mit Fellenkel Ingo
MAT-DE-2002224 v1.0 (09/2020)