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RESET: Keine Macht der MS!

Heike sitzt bei Peter auf dem Schoß; zeigt ihr Buch

Eine bisher unheilbare Krankheit wie die MS verändert das weitere Leben der Patienten auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Es gibt Betroffene, die besser mit den medizinischen Auswirkungen der MS zurechtkommen als andere Patienten. Es gibt Menschen, die unter der MS unzählige und schwerwiegende Einschränkungen ohne Wenn und Aber zu ertragen haben. Und es gibt sogar „MS“ler, die durch ihre vielzähligen Aktivitäten enorm positiv in der Öffentlichkeit auffallen.

Sehr schnell kann in diesem Zusammenhang der Eindruck entstehen, dass Menschen, mit schweren Erkrankungen, genau diese Erkrankung dazu nutzen, um einen NEUSTART in ihrem Leben zu wagen. Hat sich denn aber etwa jemand schon mal so eine Krankheit gewünscht, um einen wie auch immer gearteten Neuanfang in seinem Leben zu beginnen? Ganz sicherlich nicht!

Besagter NEUSTART kann und wird meiner Ansicht nach immer eine Reaktion auf die veränderten Rahmenbedingungen sein, die durch eine schwerwiegende Erkrankung schlicht und ergreifend vorgegeben werden.

Meine Frau wurde, in Bezug auf ihre MS-Erkrankung, schon vereinzelt von Freunden und Außenstehenden in der Vergangenheit angesprochen, dass doch so eine Krankheit wohl auch eine Chance für Veränderungen und Nachjustierungen im eigenen Lebensstil – oder gar die Chance für einen Neustart – mit sich bringen würde. Sie können sich eventuell vorstellen, dass solche Äußerungen nicht gerade wohlwollend von uns beiden aufgefasst wurden.

Der Begriff NEUSTART steht für mich in diesem Zusammenhang eher für die persönliche Anpassung der Patienten und deren Umfeld auf die veränderten Lebensumstände, die diese Krankheit mit sich bringt. Nichts desto trotz können diese Veränderungen natürlich auch durchaus zu einer Bereicherung im Leben eines  Patienten beitragen: Allerdings sehr alternativlos, nicht wahr?! Eine Auswahl, ob man lieber wieder seinen Gesundheitszustand vor der Erkrankung zurück haben will, den gibt es ja nun mal überhaupt nicht!

Eventuell kommt es bei dem einen oder anderen Betroffenen, im Rahmen der leider zu akzeptierenden Einschränkungen, zu Überlegungen wie man sein „neues Leben“ auf eine andere Art und Weise gestalten und mit neuen Inhalten versehen kann. Bei meiner Frau waren dies z.B. Beschäftigungen, die in ihrem früheren Leben vor der MS-Erkrankung überhaupt keine Rolle gespielt haben. Sie hat im Laufe der Zeit für so viele Dinge ein weitgehendes Interesse und starkes Engagement aufgebaut und bringt sich heute bei all diesen Themen auch zu 100 % ein.

Die sehr vielfältigen Aktivitäten meiner Frau beinhalten inzwischen das MALEN von Bildern, das SCHREIBEN von ARTIKELN für Ihre eigene Homepage und ihre FB-Seite und das SCHREIBEN von BÜCHERN über die MS und andere Themen, sowie die Teilnahme an BLOGGER-Projekten. Bei den recht neuen Themen „VIDEOS über MS“ bis hin zu einer aktuell geplanten HÖRBUCH-CD Produktion eines ihrer Bücher arbeiten meine Frau und ich inzwischen sogar Hand in Hand. Durch meine nebenberuflichen Tätigkeiten im eigenen Tonstudio sind die Voraussetzungen hierfür natürlich mehr als ideal.

zwei angemalte Türem in shabby chic

Wenn ich dies alles jetzt als Außenstehender lesen würde, dann würde mich diese Vielfalt wahrscheinlich erst mal förmlich erschlagen. Allerdings läuft diese Entwicklung nun vielmehr bereits über viele Jahre und hat seinen Ursprung u.a. auch darin, welche Tätigkeit meine Frau in welchem Moment der Einschränkung durch die MS überhaupt ausführen kann. Manchmal passt das Malen besser, ein anderes Mal fliegen ihr durch eine eigene (meist negative) Erfahrung die Ideen für eine Buchveröffentlichung förmlich zu. Und so findet jede Aktivität im Endeffekt ihren Platz im Leben.

Es bedarf aber auch unter Insidern sicherlich keiner Erwähnung, dass die Einhaltung von notwendigen Ruhepausen – gerade bei einer Nichteinhaltung durch den Patienten – notfalls automatisch durch die MS eingefordert werden. All diese Aktivitäten benötigen jeden Tag und immer wieder eine Neueinschätzung des eigenen Energiehaushalts mit all seinen Auswirkungen auf den Tagesablauf.

Ansonsten hört sich dies alles doch ganz gut an, nicht wahr? Und das ist es natürlich für uns beide auch! Mit ein wenig Bauchgrummeln würden wir auch zustimmen, dass es sich um eine Art des Neustarts auf Grund der vorhandenen Einschränkungen handelt. Dies alles hat sich allerdings durch verschiedene Umstände und Ausgangspositionen ergeben, und einen gegebenenfalls finanziellen Vorteil kann man in diesem Zusammenhang erst mal überhaupt nicht erwarten. Nein, wir haben eher eine gemeinsame Linie in unser Leben bekommen, die uns sehr viel bedeutet und uns dementsprechend auch ausfüllt.

Peter in seinem Tonstudio

Wir wissen auch sehr gut, dass dies nicht zwangsläufig die Realität andere Betroffener ist! Aus vielen Kontakten, die gerade meine Frau in den vergangenen Jahren zu anderen Betroffenen bekommen hat, wissen wir sehr wohl, dass so eine Entwicklung wie bei uns – die zufällig auch noch Themen übergreifend neue Gemeinsamkeiten mit sich bringt – für viele andere Betroffene überhaupt nicht möglich oder vorstellbar ist. Je nach Umfang und Schwere der Erkrankung, gibt es in deren Leben ganz andere Prioritäten, die man nicht ignorieren kann: von irgendeiner Art NEUSTART kann man da eigentlich nur träumen ... leider!

Wenn Sie sich als ebenfalls betroffener MS-Patient ermutigt fühlen, neue Dinge (wie z.B. kreative Arbeiten) in Ihrem Leben auszuprobieren, dann freut mich das ungemein für Sie. Sollten Sie damit zu einem neuen Sinn in Ihrem Leben und eine innere Zufriedenheit für sich selbst finden, dann wäre das doch eine tolle Bereicherung, oder?!

Wenn Sie allerdings eher das dringende Bedürfnis verspüren, in dem gesamten MS-Chaos um sich herum Ihre wohlverdiente Ruhe haben zu wollen, dann sage ich Ihnen hier an dieser Stelle: Auch das haben Sie sich verdient!

Lassen Sie Nachrichten über „Höchstleistungen trotz MS“ ganz locker an sich vorüberziehen … Ignorieren Sie die manchmal besonders gut gemeinten Ratschläge, die Ihnen vielleicht leider auch gerne mal schon fast als eine Art Bedrohung erscheinen … und glauben Sie auf keinen Fall, dass es - gerade mit Ihrer Krankheit - irgend eine Art der Verpflichtung zu einem NEUSTART gibt! Den Schuss für den NEUSTART hat bereits Ihr behandelnder Facharzt abgegeben … als er Sie nämlich darüber informiert hat, dass Sie MS haben!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute für eine Zukunft, die Sie ganz alleine – gerade trotz MS-Erkrankung – nach Ihren ganz persönlichen Wünschen und Bedürfnissen gestalten sollten.

Ich grüße Sie ganz herzlich: Ihr Peter

GZDE.MS.19.02.0108