Heike
Heike

Weihnachtszeit, chronische Einsamkeit und Wege hinaus

Weihnachtliche Dekoration bei Heike

Weihnachten steht vor der Tür und damit auch viel Vorfreude, leckere Plätzchen zum Essen, Kerzenlicht und familiärer Sonnenschein! Ist das so???

In ganz vielen Familien ist es anders und noch mal anders ist es, wenn man ganz alleine ist. Was ist dann mit Weihnachten? 

Ich kenne einige Leute, denen Weihnachten an sich nicht so wichtig ist – sie begehen diesen Tag wie auch jeden anderen Tag. Was aber ist, wenn man gerne Weihnachten zelebrieren würde und es aus verschiedenen Gründen nicht kann? Was ist, wenn man so gerne Besuch hätte oder gerne jemanden besuchen würde – aber man hat niemanden? Das gibt es auch.

Wird Weihnachten überbewertet?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich selbst bin dankbar, dass ich eine liebevolle Familie habe und nicht alleine bin. Und ich sage auch ganz ehrlich, dass mir etwas fehlen würde, wenn es nicht so wäre. Aber man muss auch mal ehrlich sein: Oft ist das „heile Weihnachten“ auch eher ein Wunschbild. Nicht umsonst hört man immer wieder in den Nachrichten, dass es tätliche Übergriffe und/oder Streit unter dem Tannenbaum gab. 

Was ist es, das uns so an dieser „heilen Welt“ festhängen lässt? Ist es die Hoffnung oder eher die Sehnsucht nach Geborgenheit und Zugehörigkeitsgefühl? Tatsächlich einfach eine Illusion? Oder möchte man einfach wie vermeintlich jeder andere sein? 

Fakt ist, dass an Weihnachten viele Menschen alleine sind und dies nicht mögen. Ich glaube, an solchen Tagen, wie vielleicht auch an Silvester, spürt man dann die Einsamkeit, die einen das ganze Jahr über begleitet, noch mehr. Schlaue Ratschläge wie „Ach, stell dich nicht so an, andere sind auch zu Hause!“ helfen dann sehr, sehr wenig. Denn Einsamkeit ist ein Gefühl und das kann man selten einfach abschütteln oder gar „entfernen“.

Und so kann man auch nicht an den Tagen vor Heilig Abend und an diesem Abend selbst plötzlich feststellen, dass man ja alleine ist, und dies abschütteln. Es ist ein Prozess im kompletten Leben und im MS-Leben. Multiple Sklerose macht manchmal einsam, weil man einfach nicht mehr so kann wie früher. Mal „schnell“ mit jemandem auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, zu rollen: Das ist oft nur mit guter Planung und Organisation machbar (abgesehen von Corona).

Es sind so viele Dinge zu berücksichtigen wie Transport („Wie komme ich dort hin?“) oder Inkontinenz, schlechtes Laufen (oder nur mit Hilfsmitteln), Reizüberflutung, Fatigue und vieles mehr. Und manchmal scheint solch ein Unterfangen einfach nicht machbar. Aber: Das geht dem einen oder anderen ja mit MS das ganze Jahr über schon so! Verabredungen stehen meist unter dem Motto der „MS-Organisation“.

Da ich ja viel über RESILIENZ (Krankheitsbewältigung und seelische Widerstandsfähigkeit) schreibe, halte ich es auch für wichtig, dass man sich für sein komplettes Leben mit Multipler Sklerose so organisiert, dass man Menschen kennenlernt und sich gute und sinnvolle (ausführbare) Pläne überlegt, wie man aus seiner Einsamkeit herauskommen kann. Das „Gute“ daran ist ja, dass es keinem alleine so geht.

Heikes Weihnachtsdekoration: Lichterkette im Glas

Es gibt viele einsame Menschen, die sich nach Begegnungen sehnen

Das kann man sich zunutze machen und Selbsthilfegruppen beitreten (und mit dem Veranstalter auch gegebenenfalls über Fahrdienste reden).

Man kann sich virtuell verabreden: Es gibt MS-Foren und oft ist es ganz einfach, Verbindungen zu knüpfen, wenn man beispielsweise soziale Medien wie Facebook oder Instagram nutzt. Auf Facebook gibt es unzählige (und auch wirklich GUTE) MS-Gruppen, die in einem geschützten Rahmen ablaufen: Das heißt, man kann nur als Gruppenmitglied lesen, was gepostet und geschrieben wird. Hier haben sich schon echte und wundervolle Freundschaften gebildet. Manchmal über ganz Deutschland verteilt, aber ebenso ist es möglich, sich mit Menschen zu verbinden, die in der eigenen Gegend wohnen. Ich selbst habe so auch schon wertvolle Kontakte geknüpft und gefunden.

Da viele Menschen einsam sind, ergeben sich Chats oder lustige Kommentare unter Posts, die manchmal abendfüllend sind. 😊 Aber auch ernsthafte Themen, die sich um die Multiple Sklerose oder auch andere private Themen drehen, kommen dort vor. Ich habe auch schon erlebt, dass sich Leute zusammengeschlossen und gemeinsam Weihnachten oder Silvester gefeiert haben. Alles ist möglich und es hindert einen nichts daran, das im Rahmen seiner Möglichkeiten auszuprobieren! 😊

Sinnvoll ist es natürlich, solche Kontakte das ganze Jahr über zu pflegen und zu intensivieren, denn daraus ergeben sich dann besondere Momente; man hilft und unterstützt sich gegenseitig und jeder profitiert vom anderen. Win-win sozusagen.

Nicht jeder hat das Glück, durch Familie und Freude so aufgefangen zu werden wie ich. Das berührt mich auch in tiefer Dankbarkeit. Dadurch, dass mein Mann vor einem Jahr gestorben ist, bin ich aber nun ja auch viel alleine. Ich habe mir angewöhnt, meine Wohnung nun im Winter trotzdem heimelig zu gestalten. Ich habe sie mit Lichterketten und Kerzen dekoriert und auch sonst weihnachtlich geschmückt. Denn: Es hängt auch immer mit dem Selbstwert und der Selbstfürsorge zusammen, wie man mit sich selbst umgeht.

Heike und ihre Weihnachtsdeko

Ich bin es wert, dass ich in einem gemütlichen Umfeld lebe

Das schlägt sich dann positiv auch auf mein Gemüt nieder und es stimmt mich heiter. Auch jetzt gerade, beim Schreiben, habe ich ein paar Lichtlein an. Es tut einfach gut. Man darf sich auch selbst einen schönen Tee kochen, einen leckeren Lebkuchen (oder mehrere 😉) dazu essen, schöne Musik anmachen – einfach nur, um es sich schön zu machen. Auch alleine. Auch wenn man gerne lieber mit einem geliebten Menschen zusammensitzen würde: Aber sind wir es uns nicht auch wert, es uns selbst schön zu machen?

Echte Einsamkeit kann depressiv machen und gesundheitliche Folgen haben und sollte somit auch ernst genommen werden. Blöde Sprüche taugen hier nichts.

Sich auf den Weg machen – raus aus der Einsamkeit

Aber man kann ein bisschen an sich arbeiten, sich darauf einlassen, auch mal den ersten Schritt zu machen und sich ebenso auf den Weg der Resilienz zu machen. Es hilft – nicht nur an Weihnachten. 😊

Mit Corona und den steigenden Zahlen ist es natürlich noch mal deutlich schwerer, sich persönlich zu verabreden. Das macht alles nicht gerade besser! Aber virtuell sind wir nicht ansteckend und können auch an Heilig Abend mit anderen einsamen Menschen chatten oder telefonieren, skypen oder zoomen … 😊

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und ich wünsche euch, dass ihr das Fest so feiern könnt, wie ihr euch das vorstellt! Sollte es nicht gehen, dann macht es euch doch wirklich mal gemütlich, bastelt irgendwas, kocht euch was Schönes oder schaut fern. Und dann, gleich im nächsten Jahr, wünsche ich euch den Mut, euch auf den Weg der Begegnungen zu machen.

Alles Liebe Heike

Heikes Hund Smiley mit Rentiergeweih
MAT-DE-2105930-1.0-12/2021