Yvonne
Yvonne

Tiere als Therapeuten: heilende Erfahrung auf dem Pferderücken

Yvonne mit einem Pferd

Hallo ihr Lieben, ich bin Yvonne. Vor ca. zweieinhalb Jahren bin ich an Multipler Sklerose erkrankt. In diesem Beitrag möchte ich euch einen Einblick in den Beginn meiner MS-Erkrankung geben und wie ich durch Reittherapie wieder das Laufen gelernt habe.

Es war ein schöner Tag im April 2018. In meiner Familie waren wir seit Wochen im Umzugsstress und ich nebenher auch noch ohne Pause Vollzeit am Arbeiten. Als Auszeit wollten ich und mein Lebensgefährte, gemeinsam mit meiner und seiner Tochter, einen Ausflug machen.

Der Ausflug war auch toll, aber auf dem Weg zu unseren Autos konnte ich plötzlich nicht mehr richtig laufen. Mein rechtes Bein knickte immer wieder ein. Ich lief wie betrunken und die Leute schauten schon komisch. Ich dachte damals: Reiß dich mal zusammen, so übermüdet und fertig kannst du doch gar nicht sein. Aber es klappte nicht.

Mein Lebensgefährte musste mich dann an die Hand nehmen, damit ich sicher bis zu meinem Auto kam. Auf unserer Rückfahrt fuhr er mit seinem Auto vor und ich hinterher. Schon beim Anfahren hatte ich Probleme: Ich gab mit dem Fuß zu viel Gas und wenn ich bremste, machte ich fast eine Vollbremsung. Ich dachte mir noch: Mensch, du fährst ja schlimmer als jeder Fahranfänger, jetzt konzentriere dich mal!

Während der Fahrt merkte ich nach einiger Zeit, dass es mir schwerfiel, einen Gang einzulegen.

Der rechte Arm und die Hand waren wie Pudding. Das fiel selbst meinem Kind auf und es fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich wollte meine Tochter beruhigen, aber als ich zu ihr sprach, war es, als hätte ich einen Stein auf der Zunge. Sie konnte mich nur undeutlich verstehen. Das machte mir dann doch Sorgen. Am liebsten wäre ich rechts rangefahren, aber ich hatte kein Handy dabei, wir waren in einer Gegend, in der ich mich nicht auskannte und mein Lebensgefährte war kaum noch in Sichtweite. Also riss ich mich zusammen und schaffte es fast bis zu unserer neuen Wohnung.

Ein paar Hundert Meter vor der Wohnung war ein großer Sportplatz, dort stellte ich das Auto einfach ab und wollte zur Wohnung laufen. Leider ging das schwer ohne Hilfe. Ich musste mich auf meine 6-jährige Tochter stützen und wir schafften es bis zur Haustür, wo mein Lebensgefährte schon ungeduldig auf uns wartete. Er hatte sich schon Sorgen gemacht und wollte mich sofort ins Krankenhaus bringen. Ich wollte aber nicht. Ich dachte, das liegt alles sicher nur am Stress. Tja, aber leider stellte ich dann im Treppenhaus fest, dass ich keine Treppen mehr steigen konnte. Ich verfehlte immer die Stufen und stieß mir die Zehen. Nach einigen Diskussionen (und das kann ich gut :-D !) sind wir dann doch ins Krankenhaus.

Dort angekommen waren alle plötzlich ganz aufgeregt. Ich machte noch meine Scherze, dass ich aus der Großstadt komme und es gar nicht gewohnt bin, dass es in der Notaufnahme auch mal schnell gehen kann. Die Krankenschwester war entsetzt. Sie meinte, dass ich vermutlich den Ernst der Lage missverstehe, denn man vermutete zu diesem Zeitpunkt, dass ich einen Schlaganfall hatte.

Es folgte eine Computertomografie und kurze Zeit später wurde für einen weiteren Test eine Neurologin aus einer anderen Klinik über Videokonferenz dazugeschaltet. Ich sollte mit geschlossenen Augen meine Nase treffen. Es gelang mir nicht … Da liefen das erste Mal die Tränen und die Angst schlich sich in mir hoch. Ich versuchte, mich zu beruhigen.

Dann folgte ein Schreibtest. Ich sollte schreiben: „Dresden ist schön.“ Die Schrift war total krakelig. Diesmal bin ich komplett in Tränen ausgebrochen. Bis zu dem Tag war ich Nageldesignerin mit Schwerpunkt auf Miniaturmalerei. Ich habe Haustiere vom Foto auf Nägel porträtiert. Das war immer meine Leidenschaft.

Und plötzlich konnte ich nicht mal mehr meinen Namen richtig schreiben. Das machte mir unendlich viel Angst …

Miniaturmalerei auf Fingernaegel
Miniaturmalerei Katzen auf einem Stein

Ich wurde dann in ein anderes Krankenhaus verlegt. Man konnte mir noch immer nicht sagen, was los war, aber ich konnte wieder deutlicher sprechen und ein paar wackelige Schritte gehen. Also Entwarnung: kein Schlaganfall! Ich sollte dennoch über Nacht bleiben.

Nach dem Wecken am nächsten Morgen fragte die Schwester, wie es mir geht. Ich konnte wieder nur ein Genuschel von mir geben. Auch hatte ich ganz vergessen, dass mit meinem rechten Bein etwas nicht stimmte. Ich stand also auf, wollte einen Schritt machen und ging zu Boden. Und so sahen dann auch die nächsten Wochen aus. Ich machte immer wieder kleine Fortschritte und eine halbe Stunde später musste ich wieder von vorne angefangen. Dieses ständige Vor und Zurück war eine enorme emotionale Belastung für mich. Aber ich wollte nicht aufgeben, ich wollte zurück nach Hause. Zu meiner Familie. Zu meinem kleinen 6-jährigen Mädchen.

Nach 14 Tagen hatte ich zwar noch immer keine Diagnose, aber meine Fortschritte wurden langsam dauerhafter.

Bis es schließlich zur Reha ging, war ich eine Woche zu Hause. In der Zeit habe ich fast nur geschlafen. Damals wusste ich noch nicht, dass diese unendliche Müdigkeit zukünftig ein Teil von mir sein würde.

Der erste Tag in der Reha war für mich dann wieder niederschmetternd. In meiner ersten Physiotherapiestunde bemerkte ich, dass nicht nur meine Motorik, sondern auch an meiner Kognition etwas kaputtgegangen war: Ich sollte den rechten Fuß und den rechten Arm gleichzeitig heben. Es war nicht möglich! Entweder Arm oder Fuß. Das war mir so peinlich. Ich war immer ein Mensch mit einer schnellen Auffassungsgabe und plötzlich ging es nicht mehr. Das war so beängstigend und ich bin weinend zusammengebrochen. Und so ging es weiter …

Schließlich kam die Frage der Oberärztin: Mögen Sie Pferde? Können Sie sich vorstellen, an der Reittherapie teilzunehmen? Ich dachte mir damals: keine Ahnung, wie mir Pferde beim Laufenlernen helfen sollen, aber hey, ich mag Pferde. Also klar bin ich dabei!

Die erste Reitstunde war schon eine Wahnsinnserfahrung.

Als wir zur Reittherapie abgeholt wurden, konnte ich noch kaum in den Bus einsteigen, weil ich ja mein Bein immer noch nicht richtig ansteuern konnte. Dort angekommen war es natürlich ein Akt, mich erst mal trotz Rampe auf das Pferd zu bekommen. Aber irgendwann saß ich dann drauf und habe mich gefreut. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen!

Aber ich war auch erst mal etwas unsicher. Am Anfang hatte ich das Gefühl, total schief auf dem Pferd zu sitzen und gleich runterzufallen. Aber die Therapeutin versicherte mir, ich würde kerzengerade auf dem Pferd sitzen. Selbst wenn ich stand, lief oder im Bett lag hatte ich sonst immer das Gefühl, schief zu sein. Auf dem Pferd ließ dieses Gefühl irgendwann nach. Ich habe es einfach nur noch genossen, wie das Pferd lief und wie sich bei jedem seiner Schritte mein Becken mitbewegte. Die Therapeutin erklärte mir, dass wir die Nervenbahnen damit wieder anregen und der Körper die Bewegung wieder neu lernen würde. Und genau so war es dann auch!

Nach einer halben Stunde stieg ich vom Pferd. Und als ich den Boden wieder unter meinen Füßen hatte, fühlte ich mich geerdet! Ich stand gerade! Und ich fühlte auch wieder, dass ich gerade stand! Ich war überwältigt. Und dann die ersten Schritte … Es war so unglaublich! Ich konnte fast wieder normal laufen. Es fühlte sich unglaublich an! Das hatte ich nicht für möglich gehalten! Keine Physiotherapie auf dieser Welt konnte mir solche Fortschritte in so extrem kurzer Zeit verschaffen! Ich war so unendlich dankbar und glücklich. Aber ich wurde schon vorgewarnt, dass dieser Effekt leider nicht lange anhalten würde. Und so war es dann auch: Nach ca. 24 Stunden verschlechterte sich mein Gangbild wieder. Aber das war nicht schlimm. Ich war darauf vorbereitet und ich wusste, je öfter ich zur Reittherapie gehe, desto länger hielt der Effekt auch an.

In den sechs Wochen Reha war ich zehnmal bei der Reittherapie. Nach dieser Zeit waren meine motorischen Einschränkungen im Bein fast komplett weg. Ich konnte sogar wieder größere Strecken zu Fuß zurücklegen. Dieser Effekt hielt ca. ein halbes Jahr an, dann begannen die Verschlechterungen wieder. Also suchte ich mir eine Reittherapeutin in meiner Nähe. Da es leider keine Kassenleistung ist (was ich absolut nicht verstehen kann!), kann ich es mir jetzt nur alle 14 Tage leisten. Aber es tut mir immer noch unendlich gut. Schon alleine, wenn ich die Pferde berühre, geht es mir besser. Ich habe den Pferden so viel zu verdanken.

Ohne die Pferde würde ich wahrscheinlich schon dauerhaft am Stock laufen.

Reittherapie bei MS
Reittherapie bei MS
MAT-DE-2004580_v1.0-112020