Lara
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Was ich aus meinem letzten Schub gelernt habe

Was ich aus meinem letzten Schub gelernt habe

Ich hielt inne. War wirklich schon wieder ein Jahr seit meinem letzten Schub vergangen? Ja, tatsächlich – die Zeit fliegt wahrlich nur so dahin. 2020 hat sich zwar stellenweise so angefühlt, als ob es nie aufhören würde, aber dadurch, dass so viel passiert ist, ist es auch wahnsinnig schnell an mir vorbeigeflogen.

Es fühlt sich fast so an, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich nach knapp drei Wochen Schubsymptomen inklusive einer Sehnerventzündung im linken Auge Ende 2019 nach Vietnam geflogen bin, wo ich teilweise meinen Körper kaum spüren konnte. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie ich es geschafft habe, mich auf dem Roller zu halten, ohne runterzufallen. Wie genau es mir dort erging, kannst du hier im Artikel „Heimatgefühl“ nachlesen. Wie ich dort sehen konnte, kannst du im folgenden Bild nachempfinden.

Sicht mit Sehnerventzündung

Wie kam es damals eigentlich zum Schub?

Meine Schübe bahnen sich meist ganz langsam an. Bei meinem letzten Schub habe ich schon ca. einen Monat lang die Vorboten unterschwellig gespürt und wusste unterbewusst, dass ich etwas an meiner Lebensweise ändern muss. Leider Gottes liegt hier die Betonung auf unterbewusst.

Die Wochen zuvor habe ich jeden Tag gearbeitet, ohne Pausen zuzulassen – selbstständig zu sein bedeutet eben oft, selbst und ständig zu arbeiten. Ich saß an manchen Tagen vor Überforderung zu Hause und weinte einfach nur. Mein Körper wurde zunehmend steifer und meine kognitiven Fähigkeiten sowie meine mentale Gesundheit nahmen merklich ab. Ich habe mir allerdings erst dann vermehrt Pausen genommen und Arbeit abgesagt, als ich wirklich taube Beine hatte. Ich stand im Supermarkt und hatte das Gefühl, keinen Meter mehr weitergehen zu können.

Wie konnte ich es damals nur so weit kommen lassen? Wusste ich es nicht eigentlich besser? Habe ich denn aus den vergangenen Jahren meiner MS-Karriere gar nichts mitgenommen? So sollte es nicht weitergehen.

Ich bin nicht die MS

Was ich (wieder mal) gelernt habe

Mit den Jahren und Schüben lerne ich meinen Körper immer besser kennen. Erkenne eher die Warnzeichen, die er mir sendet, bevor er Symptome zulässt. Ich habe mir erneut geschworen, ab jetzt wirklich alles besser zu machen. Nicht mehr durchzupushen, sondern in Momenten der Überforderung, der Verzweiflung und Reizüberflutung auf „Stopp“ zu drücken und durchzuatmen. Mir WIRKLICH Pausen zu nehmen, wenn ich das Gefühl habe, sie zu brauchen. Diese Pausen dann auch sinnvoll zu nutzen und wirklich runterzufahren.

Mir mehr bewusste Zeit für mich selbst zu nehmen und für die Dinge, die mir guttun. Mir für 15 Minuten eine Gesichtsmaske aufzulegen, dazu Meditationsmusik zu hören und Räucherstäbchen anzuzünden. Neue Rezepte auszuprobieren und das hoffentlich leckere Essen dann zu schnabulieren.

Anstatt abends im Bett sinnfreie YouTube-Videos zu schauen endlich mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen und in Phantasiewelten abzutauchen, auch wenn es in meinem Fall eher spannende Krimis sind. Mir öfter meine Lieblingslieder anhören, dazu tanzen und dabei ganz laut und vor allem ganz furchtbar schief mitsingen. Mein Zuhause so gestalten, dass es sich wie eine Wohlfühloase anfühlt, mit vielen grünen Pflanzen. Mehr lachen und weniger Sorgenfalten in die Stirn runzeln. Es sind eben doch die kleinen Dinge, die ganz Großes bewirken.

Entspannende Gesichtsmaske ;)

Ab jetzt wird alles besser (diesmal wirklich)

Der letzte Schub hat mir ins Bewusstsein gebracht, wie dankbar ich für meinen milden MS-Verlauf bin. Wie dankbar ich für die Momente, Tage, Wochen bin, an denen die MS für mich nur eine ganz kleine Rolle spielt. Wie dankbar ich bin, klar sehen zu können – mithilfe meiner Brille, haha! Wie dankbar ich für meine Beine bin, die mich überwiegend sicher dahin bringen, wo ich hinmöchte.

Das letzte Jahr über habe ich verstärkt daran gearbeitet, alle meine Vorsätze einzuhalten und die Warnzeichen ernst zu nehmen. Neulich im Büro befand ich mich in einer Situation, die mir meine Fortschritte ganz deutlich aufgezeigt hat – das Telefon klingelte unaufhörlich, die Arbeit stapelte sich visuell unattraktiv auf meinem Schreibtisch und die Reizüberflutung stellte meinen kognitiven Fähigkeiten ein Bein nach dem anderen.

Früher hätte ich sicherlich durchgepusht, mich selbst gequält und mich gefragt, ob ich denn überhaupt zu irgendetwas fähig wäre. Stattdessen schloss ich meine Augen, atmete tief durch, stellte mir etwas Schönes vor und sagte liebevoll zu mir: „Du schaffst das!“. Ich muss zugeben, ein klein bisschen stolz bin ich schon auf mich! 😊

Worauf es ankommt

Ich finde, dass 2020 uns allen nochmal gezeigt hat, worauf es wirklich ankommt. Dass Gesundheit eben doch ganz oben mitspielt, nicht als selbstverständlich angenommen werden kann und geschützt werden muss. Dass wir eben keine Roboter sind, die immer funktionieren müssen, um mehr und mehr Geld zu erwirtschaften.

Dass wir zwar Individuen sind, aber ohne soziale Interaktionen unser Leben ein klein bisschen kälter erscheint. Dass wir zusammen ganz viel bewegen können und gemeinsam megastark sind. Obwohl wir uns im Moment körperlich voneinander fernhalten müssen, bedeutet das nicht, dass wir uns auch emotional distanzieren sollten. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir so unbeschadet wie möglich durch diese Zeit kommen, körperlich wie mental.

Wir schaffen das!

Viel virtuelle Liebe

Lara

MAT-DE-2007291 v1.0 (01/2021)