Lara
Lara

Heimatgefühl

Freundschaft

Juni 2019, Bahnsteig Hannover

Ich hatte grade 10.000 km, zwei Flüge, zwei Busse, eine U-Bahn, eine S-Bahn und einen ICE hinter mir, als mein Anschlusszug in Hannover Verspätung hatte. „Klasse“, dachte ich. Das konnte mein gejetlaggtes Ich grade gar nicht gebrauchen. Dann sah ich eine Frau aus meiner Heimatstadt am selben Bahnsteig, die ich zwar schon durch gemeinsame Freunde „kannte“, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals mit ihr persönlich gesprochen zu haben. Wir folgten uns aber auf Instagram – Klassiker, nicht wahr?

Der Zug kam endlich und zufällig stiegen wir an derselben Tür ein. Unsere Blicke begegneten sich und wir sagten „Hallo“ zueinander. Wir fingen ein Gespräch an und es stellte sich heraus, dass sie seit einigen Jahren immer wieder in Vietnam gelebt hat und nun auch dieses Jahr hinziehen wollte. Da unsere Heimatstadt ziemlich klein ist, fanden wir es beide sehr interessant unsere Erfahrungen in Asien auszutauschen. Sie bot mir an, sie mal zu besuchen, was ich dankend annahm.

Tatsächlich dachte ich weiter darüber nach. Ich war 2016 schon einmal in Vietnam gewesen, aber meine Erfahrungen waren damals nicht die besten und meine körperliche und mentale Gesundheit nicht im besten Zustand. Ich stelle mich aber gerne alten, nicht so schönen Erfahrungen, um sie in positivere zu verwandeln, sodass ich beschloss, ihr Angebot anzunehmen. Im Juli 2019 buchte ich also meinen Flug nach Hanoi für Dezember 2019. 

Dezember 2019

Mitte November 2019 bekam ich einen relativ schweren Schub. Wer mir auf meinem YouTube-Kanal „Lara Kristin“ folgt, weiß bereits davon. Angefangen bei Kopfschmerzen, Desorientierung und Taubheitsgefühlen in meinen Armen bis hin zum Gefühlsverlust in meinen Beinen war alles dabei. Nach zwei Wochen kam auch noch eine Sehstörung auf meinem linken Auge dazu, wenige Tage bevor ich nach Vietnam fliegen sollte. Ich hatte Angst. Tief in mir wusste ich, dass ich es schaffen würde – mein Körper und ich haben bislang alles geschafft –, aber trotzdem war mir ein bisschen unwohl.

Einen Tag vor dem Flug sendete ich ihr eine Sprachnotiz und bat sie, mich bitte vom Flughafen abzuholen – der Flughafen liegt etwas außerhalb von Hanoi. Und obwohl ich schon ein Mal da gewesen war, hatte ich schlechte Erfahrungen gemacht, weil ich damals von der sogenannten „Taximafia“ abgezogen worden bin – lange Geschichte. Darauf hatte ich gar keinen Bock, schon gar nicht mit Symptomen und einer Sehnerventzündung.

Ich hatte krasse Probleme, sie das zu fragen, auch wenn ich dazu gesagt habe, dass ich natürlich alle Fahrtkosten übernehme – wir kannten uns schließlich gar nicht. Sie reagierte aber sehr lieb darauf und meinte, dass sie das superstark findet, dass ich sie das frage.

In Hanoi

Ich versuche, diese Geschichte so kurz wie möglich zu halten, deshalb möchte ich kurz einfach erstmal erklären, wie ich mich gefühlt habe bzw. wie ich sehen konnte. Teile meines Körpers waren taub. Ich war immer noch desorientiert, erschöpft. Ich musste allerdings wegen meines Visums Thailand verlassen. Weil ich wusste, dass ich nicht alleine in Vietnam sein werde, habe ich den Trip nicht abgesagt – sonst hätte ich das vielleicht gemacht.

Aber hier erstmal ein Bild meiner Sicht zum Vergleich, wie ich normal sehe vs. wie ich da sehen konnte:

Obwohl ich meine Brille trug, hatte ich das Gefühl, dass auf dem linken Auge keine Stärke war. Alles war verschwommen. Mein Gehirn hatte Schwierigkeiten, alles auszubalancieren.  Ich hatte Angst. Gleichzeitig war ich ruhig und wusste, dass alles okay sein würde. Ich habe mich teilweise nicht wie ich selbst gefühlt und meinen Körper gar nicht mehr gespürt.

Es war perfekt

Ich kam in Hanoi an und war einfach nur kaputt von der langen Reise. Ich war so froh, meine Freundin zu sehen, weil ich wusste, dass ich mich jetzt um kaum etwas mehr kümmern musste – sie kennt das Land und spricht fließend Vietnamesisch.

Schon im Taxi erzählte ich ihr von meinem Schub, den Symptomen und wie ich mich fühlte, damit sie wusste, wie es grade in mir ausschaute. Sie hörte mir einfach zu, ohne zu kommentieren oder Ratschläge zu geben. Deutsch zu sprechen und dann auch noch mit jemandem aus meiner Heimatstadt fühlte sich einfach großartig an. Zu dem Zeitpunkt hatte ich sowieso extremes Heimweh und als ich dann auch noch die ganzen deutschen Produkte wie Schokolade und Tee bei ihr zu Hause angeboten bekam, war es um mich geschehen – schlagartig ging es mir besser und ein Heimatgefühl stellte sich bei mir ein. Natürlich sind die Symptome nicht wie magisch verschwunden, aber mental ging es mir um einiges besser, was in meinen Augen ein wesentlicher Teil der Genesung war.

Die nächsten Tage gingen wir ganz locker an – schliefen aus, frühstückten, guckten dabei Tagesschau und sie zeigte mir ihre Lieblingsrestaurants und -cafés in Hanoi. Ich musste mich einfach nur hinten auf ihren Roller schwingen und konnte ihr komplett vertrauen. Wenn ich meinen Körper nicht mehr spüren konnte und etwas Angst hatte, runterzufallen, sagte ich ihr Bescheid und sie fragte sofort, ob wir anhalten und Pause machen sollen.

Generell hat sie mich jeden Morgen gefragt, wie ich mich fühle und auch zwischendrin. Sie hat mir mehrmals versichert, dass wir alles ganz langsam und mit ganz vielen Pausen machen können. Sie stellte sicher, dass ich immer das beste Essen hatte und auch aß – morgens bin ich leider keine so gute Esserin, auch wenn ich weiß, dass es wichtig ist.

Am vorletzten Tag fragte sie mich dann nach meiner Diagnosegeschichte. Ich erzählte bestimmt 20 Minuten lang im kleinsten Detail davon und sie unterbrach mich nicht ein Mal. Sie hörte mir einfach zu. Irgendwann bemerkte ich, dass ich wirklich schon lange redete und war ganz erstaunt darüber, dass sie mich nicht unterbrach – das machen die meisten Menschen nämlich. Manchmal so viel, dass ich mich frage, ob sie jetzt wirklich die Geschichte hören wollen oder nicht. Es gibt mir kein gutes Gefühl, bei etwas so Wichtigem und Persönlichem unterbrochen zu werden und den Eindruck zu haben, dass es die Menschen doch nicht interessiert. Ich bedankte mich bei ihr dafür.

Die Krise

Am nächsten Tag bin ich wieder nach Thailand geflogen und aufgrund von Visaproblemen musste ich schlussendlich wieder zurück nach Vietnam und dort eine Woche lang versuchen, alles zu klären.

Ich werde hier nicht weiter darauf eingehen, aber glaubt mir: Ich war am Boden zerstört und es war emotional und finanziell keine einfache Zeit. Was meine Freundin für mich in der Woche zuvor und dann besonders in dieser schwierigen Woche alles für mich gemacht hat, ist einfach unfassbar. Besonders vor dem Hintergrund, dass wir grade mal eine Woche unseres Lebens miteinander verbracht hatten und uns eigentlich gar nicht so gut kannten, finde ich es umso erstaunlicher und bemerkenswerter, was sie alles für mich getan hat.

Angefangen davon, dass sie mir bei dem Visum für Vietnam geholfen hat (ich kam da ja grade her, deshalb war es etwas schwieriger, innerhalb weniger Stunden ein neues Visum zu bekommen). Sie hat mich wieder vom Flughafen abgeholt, mir finanziell ausgeholfen, hat mir emotional beigestanden, hat mich einfach wieder in ihr zu Hause aufgenommen, hat es für mich temporär zu meinem Zuhause werden lassen, und das alles, ohne etwas als Gegenleistung zu verlangen. Das ist einfach unfassbar.

Ich weiß, dass es grade vielleicht nicht so krass klingt, und ich habe Schwierigkeiten, es so auszudrücken, wie ich es gerne möchte, aber mit diesem Text möchte ich einfach Danke sagen.

Danke, dass du zu diesem Zeitpunkt in mein Leben getreten bist.

Danke, dass du mir bei meinem Schub so beigestanden hast und meinen Aufenthalt ohne große Mühe so unfassbar angenehm und heimatlich gemacht hast.

Danke, dass du mir in dieser schweren Zeit bei allem, was ich durchgemacht habe, zur Seite warst.

Ich weiß nicht, wie ich dir das jemals zurückgeben kann. Wann immer du etwas brauchst, lass es mich wissen. Ich bin zutiefst beeindruckt von deiner Fähigkeit, bedingungslos zu geben, Ruhe auszustrahlen und einfach menschlich zu sein sowie so zu handeln.

Chapeau!

GZDE.MS.20.01.0026