Inka
Inka

Sam - Ist das Echt MS? | 1000 Gesichter #31

„Tiere lieben bedingungslos. Sie sind meine Therapeuten“, erzählt Sam, die sich ihren Traum erfüllt hat und jetzt umgeben von Pferden, Hunden und Hühnern lebt. Sam hat vor 14 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose erhalten. Große Zukunftsängste kamen damals – als der Arzt die Diagnose offenbarte– in ihr auf, weil niemand genau sagen konnte, was auf sie zukommt, wann und wie der nächste Schub ihr Leben durcheinanderwirbelt – ob sie noch laufen können wird. Aber sie war auch erleichtert, weil ihr Leiden jetzt einen Namen hat. Und laufen kann sie heute 14 Jahre später immer noch. Menschen mit Multipler Sklerose, so Sam, dürfen sich nicht aufgeben – sie sind nicht wirklich anders als Gesunde – nur vielmehr ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst.

Der Dreh mit Sam

Dieses Mal führt uns der Pfad der tausend Gesichter nach Ribnitz-Damgarten, einem kleinen Nest nahe der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern. Hier treffen wir Sam. Am Abend vor Drehbeginn sehe und spreche ich sie zum ersten Mal. Umso spannender und herausfordernder für mich, in kurzer Zeit ein Gefühl für sie und ihr Leben zu gewinnen. Sie macht auf mich einen handfesten Eindruck und ist mir mit ihrer norddeutsch-direkten Art sofort sympathisch.

Hund, Katze, Haus

Am nächsten Morgen werden das Team und ich von zwei aufgeregten Hunden und einer strahlenden Sam am Eingangstor zu ihrem Haus und Grundstück begrüßt. Wir machen uns sogleich an die Dreharbeiten, denn die Tiere haben Hunger und Sam hat mit dem Füttern extra auf uns gewartet. Die Tiere? Ja, die Tiere. Neben ihrem Mann und ihrer Mutter sind es vor allem ganz viele Tiere, die Sams tägliche Gesellschaft ausmachen und ihren Tagesrhythmus bestimmen. Hunde, Katzen, Hühner und Pferde. Als ich Sam später frage, wie viele Tiere sie genau habe, muss sie scharf nachdenken und kommt dann auf eine geschätzte Anzahl von 16. Nachdem all ihre Schützlinge versorgt sind, bekommen auch wir eine kleine Stärkung - frisch gepflückte Pflaumen vom Baum. Mmm... so lässt es sich arbeiten. Auch bei Sams Mutter werden wir sehr lieb empfangen und bekommen nebenbei ein paar erfrischende Kindheitsgeschichten zu hören, die an dieser Stelle jedoch nicht ausgeplaudert werden ;)
Am zweiten Drehtag begleiten wir Sam bei einem ausgelassenen Strandspaziergang mit ihrem Liebling Sunny. Sunny ist ein gutmütiger, in die Jahre gekommener, großer Knuddelbär von Hund, den beim Anblick seines Balls der Spieleifer packt, als wäre er erst ein halbes Jahr alt. Am Nachmittag geht es zu den Pferden. Obwohl es angefangen hat zu regnen und bei Sam inzwischen Anzeichen der Erschöpfung sichtbar werden, watet sie tapfer mit ihrer Schubkarre durch den tiefen Schlick. Die Tiere müssen versorgt sein, da kennt sie nichts. Seit einem Schub vor zwei Jahren ist Sams eines Bein so sehr beeinträchtigt, dass sie nicht mehr reiten kann. Mit Bodenarbeit versucht sie ihre Pferde sowohl körperlich, als auch geistig im wahrsten Sinne des Wortes auf Trab zu halten. Außerdem plant sie, ihren großen Traum vom Wanderritt bald als Wanderkutschtour zu verwirklichen.

Angst nehmen und Mut geben

Im Interview erfahre ich, dass Sam nun schon seit 14 Jahren MS hat und, dass die Diagnose ihr am Anfang buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Sehr eindringlich beschreibt sie, was jemand, der es nicht selbst erlebt hat, nur schwer oder gar nicht nachempfinden kann. Das Eingesperrt-Sein im Korsett des MRTs, den Schmerz nach einer Lumbalpunktion, Überlegungen zur Berufsumschulung, ohne zu wissen, was als nächstes nicht mehr funktioniert, Verzweiflung, wenn der eigene Körper einfach nicht gehorchen will. Mittlerweile ist der Boden schon lange wieder unter Sams Füße zurückgekehrt. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen möchte sie nun mit Neubetroffenen ins Gespräch kommen, ihnen Ängste nehmen und Mut geben. Hierfür will sie mit ihren zwei Pferden eine Pilgerkutschtour durch Deutschland machen und dabei Rehakliniken anfahren, die auf MS spezialisiert sind.

„Ich möchte gerne was Außergewöhnliches machen, damit sie wahrnehmen, dass das Leben weitergeht, dass das Leben schön ist, dass man seine Träume leben kann, auch wenn sie vielleicht nicht genau so gelebt werden, wie sie mal erträumt wurden, aber ansatzweise. Dass es zumindest in die Richtung geht, dass du dir Träume erfüllen kannst und dass du nicht stehen bleiben darfst.“ Mein Eindruck von Sam als praktische Hau-Ruck-Frau erweitert sich im Laufe der gemeinsam verbrachten Zeit um das Bild einer sanften, sensiblen Sam mit Tiefgang und Visionen.

Faszination: MS-Weisheit

Im Interview berichtet Sam von der ständigen Ungewissheit, mit der sie durch die MS konfrontiert ist. Das Resümee ist dann jedoch, dass man – ob gesund oder krank – sowieso nie weiß, was kommt und sich daher nicht allzu lange mit Zukunftssorgen aufhalten sollte. „Was ist, wenn...?! Und ja, Gott, frage ich mich als Gesunder auch: Was ist, wenn...? Nur, dass wir eine andere Perspektive haben und dass wir, glaub ich, mehr wahrnehmen, wie wertvoll das Leben ist und wie vergänglich auch die Gesundheit ist.“

All die hier portraitierten Menschen geben mir Kraft und Zuversicht, obwohl ich ihre Gemeinsamkeit nicht teile. Sie haben Lehren fürs Leben auf Lager, die aus der Perspektive einer Krankheit entstehen, jedoch von jedem beherzigt werden können. Von Jungen, Alten, Gesunden oder Kranken, von uns allen, die wir in dieser großen weiten Welt so vor uns hinleben. Vielen Dank, dass ihr uns die Gelegenheit gebt, uns von euren Wahrnehmungen bereichern zu lassen.
Vielen Dank, Sam!

Multiple Sklerose Dreh
GZDE.MS.18.04.0271