Gina
Gina

Freelancer mit MS – was ist das denn?!

Arbeiten mit Multipler Sklerose

Nun sind es ziemlich genau drei Jahre, nachdem ich meine MS-Diagnose erhalten habe. Wie ich mittlerweile gelernt habe, gehöre ich zu den sogenannten „Mildis“: den MS-Patienten mit einem milden Verlauf, ohne Schübe und ohne drastische Verschlechterung. Dafür bin jeden Tag dankbar, denn die Angst davor, dass es eines Tages nicht mehr so ist, ist weiterhin konstant da. Auch ein neues unverändertes MRT-Ergebnis ist da vielleicht nicht so erleichternd, wie es sein sollte.

Und dennoch: Weil ich eben dieses große Glück habe, keinen weiteren Schub als meinen ersten vor dreieinhalb Jahren gehabt zu haben, gestalte ich mein Leben und Arbeitsleben nur wenig anders, als ich das in meinem Blogbeitrag von vor anderthalb Jahren geschrieben habe. Und genau deshalb mache ich weiter so. Die Kinder werden größer und das macht manches inzwischen sogar auch noch etwas einfacher.

Do what you love

Woran ich innerlich gewachsen bin, ist die Bestätigung, die ich durch die vergangene Zeit erhalten habe. Dass ich einfach immer weitergemacht habe mit meiner Selbstständigkeit, hat mir sehr oft recht gegeben in meiner Entscheidung. Es gab – vor allem im ersten Jahr mit der MS – richtig schwere Zeiten, auch für mich. Weil ich einfach im ersten Jahr nach der Diagnose so richtig neben mir gestanden habe, sind Dinge passiert, die sonst nicht so gewesen wären, da bin ich mir ganz sicher: Denn es muss nicht passieren, dass man innerhalb eines halben Jahres über seine eigenen Füße stolpert und sich dabei den Ellenbogen bricht und wenige Monate, nachdem der Gips ab ist, einen schweren Autounfall hat.

Inzwischen spreche ich diese Vorfälle ganz klar der Diagnose zu – und vor allem der Verzweiflung, in die sie mich geführt hat. Doch selbst dann, mit Gipsarm oder einem Schleudertrauma, war meine Arbeit immer meine Konstante. Mit etwas Kreativität und Spracheingabe kann man nämlich sogar eingegipst texten – und in der Zeit, in der ich nach dem Unfall nicht Auto fahren konnte, habe ich endlich einmal den öffentlichen Nahverkehr Hamburgs so richtig gut kennengelernt. Es ging immer weiter, egal, was kam.

Wissen, wann es genug ist – und neu ansetzen

Es lief richtig gut, die Aufträge wurden mehr und mehr – und dann aber plötzlich zu viel. Ein neues Learning: Auch wenn es noch so verlockend ist, ich darf nie vergessen, dass ich nicht gesund bin. Zu viele Wochenenden durchgearbeitet, zu wenig Zeit mit der Familie, zu wenige Ruhephasen, das fordert seinen Tribut. Denn als Selbstständige habe ich nicht irgendwann Feierabend, es kann, bei genügend Aufträgen, 24/7 weitergehen. Und in die Falle bin ich getappt. Es folgten letztes Jahr ein paar Monate der Neufindung, in denen ich ehrlicherweise nur wenig leistungsfähig war. (Ich frage mich, wie genau wir es eigentlich durch diese Zeit geschafft haben??).

Aber auch für das Berufliche gilt: Wenn Steine im Weg liegen, kann man was Schönes draus bauen. Weil ich weiß, dass ich noch viele Jahre im Berufsleben bleiben will und auch muss, habe ich jetzt radikal umstrukturiert. Ich setze jetzt ausschließlich auf Auftraggeber, mit denen mir die Zusammenarbeit leichtfällt, sodass jeder Auftrag eine Freude ist. Meine Arbeitszeit habe ich nochmals radikal eingegrenzt – einfach, indem ich die Kitazeit von acht Stunden täglich auf fünf reduziert habe. Das ist erstens umsonst und zweitens bin ich jetzt gezwungen, wenig, aber dafür sehr effizient zu arbeiten. Und erstaunlicherweise klappt es gut so, es kommen mehr Ruhe und Struktur in den Alltag – und weniger Gehetze. Dabei passt es dennoch mit dem „täglich Brot“, auch wenn es sich nach ziemlich wenig Arbeitszeit anhört. Und das muss es auch, denn nach wie vor ist bei uns jedes unserer Einkommen absolut wichtig, wenn ich auch nicht mehr Hauptverdienerin, sondern mittlerweile „Gleich-viel-Verdienerin“ bin.

Ein solches Modell wäre als Angestellte in einem 20-Stunden-Job echt nicht denkbar. Klar, dann zahle ich meine Krankenversicherung nicht selbst und bekomme immer dasselbe Geld aufs Konto, ob ich Urlaub mache, krank bin oder eben arbeite. Doch dafür tausche ich dann in meinem Empfinden das sehr überschaubare Gehalt eines Teilzeitjobs gegen wertvolle Lebenszeit ein. Ich will nicht zwangsweise zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein müssen und bei Kita- oder Schulterminen außer der Reihe um einen freien Tag oder geschobene Stunden betteln müssen. Das liegt mir einfach so sehr gar nicht, dass ich gerne eine geschönte Sicherheit dagegen eintausche, selbstbestimmt zu sein. Man sieht also: Für mich ist das Beharren auf der Selbstständigkeit kein Ausdruck der Unvernunft, sondern eine kluge Einsicht und selbstfürsorglich, weil ich tue, was für mich das Beste ist.

Das ist mir so klar, wie nur etwas klar sein kann. Und deshalb ist mein Plädoyer: selbstständig mit MS – selbstverständlich!! Dazu habe ich kürzlich einen sehr wahren Spruch gelesen. Er heißt:

„Folge deinem Herzen. Es kennt den Weg!

Oder ein Spruch, den ich als lebenslanges „Pferdemädchen“ tief verinnerlicht habe:

„Wirf dein Herz voran und spring nach!“

Und wenn nun so etwas wie eine chronische Erkrankung dazwischenkommt, gelten diese kleinen Wahrheiten umso mehr – meine tiefe Überzeugung. Es klappt alles, das wird schon. ?

GZDE.MS.20.02.0121