Alex
Alex

Von sozialen Netzwerken, Wunderheilungen und Dankbarkeit

Seit meiner Diagnose 2011 begleiten mich wohlgemeinte Ratschläge von allen möglichen Menschen, spätestens seitdem ich meine MS mithilfe meines Blogs öffentlich gemacht habe – auch von wildfremden Leuten. Meine Intention damit war, frisch diagnostizierten Menschen das Gefühl und die Sicherheit zu geben, dass sie nicht alleine sind, und natürlich hatte ich auch auf einen regen Austausch gehofft! Mit der Veröffentlichung bekam ich auch postwendend Reaktionen, die von Mitleid bis zur Bewunderung so ziemlich alles abgedeckt haben. Da mein Blog damals auch mit den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verknüpft war, konnte jeder meine Geschichte lesen, was mir vollkommen bewusst war! Es trudelte eine Freundschaftsanfrage nach der anderen ein und nachdem man sich ein bisschen beschnuppert hatte, bekam ich via private Nachrichten (manchmal auch ganz ohne Beschnuppern) Tipps für MS-Communities, Links zu Homepages anderer Betroffener, die ihre Multiple Sklerose mit für mich zweifelhaften Methoden „geheilt“ hatten, und zu irgendwelchen Menschen, die mittels Handauflegen die MS einfach so verschwinden lassen konnten.

In der Anfangszeit hatte ich das auch alles aufgesogen wie ein Schwamm, denn ich habe mich an fast jeden Strohhalm geklammert, der mir gereicht wurde. Mit der Zeit allerdings hat mich das alles überfordert. Ich dachte auch immer, dass ich den Menschen, die sich solche Mühe mit dem Heraussuchen der Links gemacht hatten, baldige Rückmeldung geben müsste, ob ich das denn nun ausprobiert hätte und wie sich das auf meine Krankheit ausgewirkt hat, und hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass ich mit so gut wie keinem Tipp die Probe aufs Exempel gemacht habe. Ich vertraute von Beginn an den Neurologen in der MS-Ambulanz. Ich bin kein Mensch, der denkt, dass die Pharmaindustrie längst ein heilendes Mittel hat, dieses aber nicht auf den Markt bringen würde, weil das ja viel zu billig sei und sich damit kein Geld machen ließe, wenn plötzlich alle MS-Patienten geheilt seien. Die Entscheidung, ob und welches Medikament ich nehmen würde, lag von Anfang an bei mir – ausschließlich!

Spätestens als mein Mann eines Abends von der Arbeit heimkam und mir erzählte, dass die Frau eines Freundes von einem Freund eines Kollegen die MS mit einem italienischen Wunderdoktor geheilt hatte, und er ernsthaft überlegte, ob wir da vielleicht auch mal hinfahren sollten, ist mir der Kragen geplatzt! Mein Mann steht mit beiden Beinen im Leben. Ein rational und logisch denkender Ingenieur will mich nach Italien schleppen. An die Adresse könnte er schließlich leicht herankommen. Ich hatte die Krankheit angenommen und es machte mich nachdenklich und ein bisschen traurig, dass mein Mann noch so damit haderte.

Ich habe lange gebraucht, aber ich habe die MS voll und ganz akzeptiert. Ich denke, dass viele Menschen einfach nicht begreifen können oder wollen, dass es in unseren heutigen Zeiten noch nicht möglich ist, dass man chronische Krankheiten einfach mal heilt. Ich selbst ertappe mich ja auch dann und wann bei diesem Gedanken. Das zu akzeptieren ist nicht leicht und wenn eine Person, die man kennt oder zu kennen glaubt, plötzlich von so einer Krankheit betroffen ist, wird man zwangsläufig indirekt darauf hingewiesen, dass es eigentlich jeden zu jeder Zeit treffen kann. Und sich das eingestehen zu müssen, fällt unendlich schwer. Deshalb bin ich niemanden böse, wenn ich mal wieder Links oder Dokumente zugesendet bekomme, deren Inhalte versprechen, dass alles „besser“ werden kann. Ich bin sogar sehr gerührt, wenn ich darüber nachdenke, dass die Person am anderen Ende der Leitung sich über mich und meine Krankheit Gedanken gemacht hat, einfach nur helfen will, und das erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit!