Daheim ist alles fein, oder?

Kommunikation in der Familie

Die Diagnose MS bringt für Dich und für Dein ganzes Umfeld Veränderungen mit sich und dabei vor allem auch für Deine Familie. Vielleicht hast Du einen Partner, eine Partnerin, die sich jetzt ganz besonders um Dich sorgen. Du wirst öfter als früher gefragt, wie es Dir geht, wie Du Dich fühlst. So oft wolltest Du eigentlich gar nicht an Deine MS erinnert werden.

„Aber er meint es doch nur gut mit Dir“ und schwupps, ist das schlechte Gewissen bei Dir. Dennoch, wenn er noch einmal sagt: „Schatz lass mal, ich mach das schon“, dann zeigst Du ihm, was Schatz so alles alleine kann … Solltest Du aneinem Freitagabend noch kein Wochenendprogramm geplant haben, dann nur zu. Sag ihm, was Du von seinem überbehütenden, gar bevormundenden Verhalten hältst. Dann steht zeitfüllende Eskalation auf dem Programm.

Aber jetzt im Ernst. Warum nervt es uns so, wenn wir in Watte gepackt werden? Das ist doch eigentlich mal ganz schön, oder? Eine chronische Erkrankung beeinflusst unsere Selbstständigkeit. Diese ist Ausdruck unseres Erwachsenenlebens. Natürlich wünschen wir uns, soviel wie möglich und so lange wie möglich autark zu sein. Wir möchten von unseren Partnern auf Augenhöhe als Erwachsene anerkannt werden. Durch das behütende Verhalten finden wir uns plötzlich auf dem Kind-Ich wieder. Und das drückt sich zum Beispiel auch durch Trotz aus. Jetzt haben wir die Situation zwar analysiert, aber wie kannst Du Dich „erwachsener“ verhalten?

Was kannst Du tun?

Wir verstehen ein Problem am besten, wenn uns auch Verständnis entgegengebracht wird. Also knüpfen wir rhetorisch erst beim anderen an, bevor wir uns verbalisieren. Zum Beispiel so: „Ich finde es sehr lieb von Dir, dass Du mich so unterstützt. Ich möchte aber meine Selbständigkeit trainieren.“ „Vielen Dank für Deine Hilfsbereitschaft, das kann ich gut alleine. Wollen wir nicht lieber vereinbaren, dass ich Dir Bescheid sage, wenn ich Unterstützung brauche?“

Als sehr hilfreich wird oft die W-W-W FORMEL empfunden. Sie hilft Dir, Dich durch einen Leitfaden strukturiert auszudrücken.

Wahrnehmung Was nimmst Du momentan wahr?

„Ich sehe, wie Du mich unterstützen möchtest und finde das toll“

 

Wirkung Welche Wirkung hat das auf Dich?

„Wenn ich das nicht alleine mache, befürchte ich, nicht in Übung zu bleiben und fühle mich so unselbstständig“

WunschWas wünschst Du Dir?

„Wäre es ok für Dich, wenn ich Dich gezielt um Hilfe bitte?“

Selbstverständlich brauchen wir alle auch Unterstützung. Nicht jede/jeder mag zugeben, dass seine Leistungsfähigkeit nicht mehr einem Olympioniken gleicht. Auch in solchen Momenten denke bitte an Dich. Ein „Nein“ zu anderen ist auch ein „Ja“ zu Dir selbst. Vor allem für Kinder ist es oft schwer zu realisieren, dass Mutti oder Vati nicht mehr alles so gut können. Auf ein gebrochenes Bein ist einfacher zu reagieren, man erkennt die Erkrankung und kann Einschränkungen besser „einsehen“. Erkläre deshalb Deinen Kindern in einfachen, aber klaren Worten, was mit Dir los ist und wo es nun Grenzen für Dich gibt und Du Hilfe und Verständnis brauchst.

Oft zeigen sich unsere Ungeduld und unsere Stimmung sehr deutlich durch unsere Mimik, unsere Gestik und unseren Tonfall. Das ist wohl ganz besonders der Fall, wenn wir ein klares Wort hinauszögern. Sei deshalb mutig und sprich die Situation zeitnah und in Ruhe an. Obwohl die Familie und der Freundeskreis ein geschützter Raum sind, in dem wir über viele Themen sprechen können, gibt es doch ein paar Tabuthemen. Aber manchmal müssen eben auch diese angesprochen werden. In unserer nächsten Ausgabe liest Du, wie wir mit den Topthemen der Peinlichkeit agieren können.

Cäcilie Skorupinski

ZUR PERSON:

Cäcilie Skorupinski ist Diplom-Sprechwissenschaftlerin und seit 1995 in der Wirtschaftsrhetorik freiberuflich tätig – als Coach, Moderatorin und Dozentin. Sie bietet individuelles Coaching und Seminare u.a. auch zu den Schwerpunkten:  Arzt-Patienten- Kommunikation, Kommunikation mit dementen Gesprächspartnern und Kommunikationsstrategien in der MS-Therapie.

MAT-DE-2003007_v1.0 (11/2020)