Sabine
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Ein Stück Du

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„Das kann man doch bestimmt auch irgendwie selber machen!“ – Dieser Spruch ist ohne Zweifel irgendwo ganz oben in den Top Ten der meistgesagten Sätze meiner Kindheit. Wann immer ich mit einer Idee oder einer bestimmten Sache um die Ecke kam, entwickelten meine Eltern den unbändigen Ehrgeiz diese Sache selbst herzustellen – meistens ganz egal, um was es sich handelt.

Ich habe nur in Ausnahmefällen erlebt, dass man einfach schnell und unkompliziert in einen Laden gelaufen ist, um diese eine bestimmte Sache zu kaufen. Schwingt in diesem Satz Kritik mit? Ja! Damals als Kind habe ich es überhaupt nicht verstanden, warum ich nicht einfach ein cooles gekauftes Faschingskostüm tragen durfte, mit einer richtigen Clownsperücke, einer knallbunt gepunkteten Bluse und riesengroßen Latschen. Nein, für mich wurde ein altes Hemd von Papa umgestaltet, mit Lippenstift ein paar rote Flecken auf die Wangen gemalt, eine alte Hose mit bunten Flicken benäht.

25 Jahre später. Ich sitze morgens mit einem Haufen Schminkutensilien vor meiner Mutter in der Küche und habe einen Heidenspaß, ihr für die Karnevalsfeier mit ihren Kindergartenkindern ein Clowns-Makeup zu zaubern. Außerdem kann ich mich köstlich darüber amüsieren, wie sie mal wieder aus einem alten Hemd und einer Latzhose meines Vaters ein buntes Kostüm gezaubert hat.

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Do it yourself. Mach es selbst. Für die einen ist es eine Mode-Erscheinung. Für mich gehört es schon immer zum Alltag dazu. Wir konnten gerade mal einen Hammer in der Hand halten, da haben wir Geschwister unserem Vater im Werkzeugkeller geholfen, wenn er mal wieder etwas gezimmert hat. Mein halbes Kinderzimmer war selbst gebaut, die Tapete von Hand mit Luftballons und Schmetterlingen bemalt. Mein größter Stolz war ein doppelstöckiges Barbie-Haus mit Balkon, was mein Vater mir zu Weihnachten eines Jahres geschenkt hat.

Ich weiß nicht, ob meine Eltern einfach aus der Not eine Tugend gemacht haben – denn wir hatten nie viel Geld und es wollten ja schließlich alle vier Kinder ständig neue Sachen – oder ob sie unser Gewerkel bewusst fördern wollten. Jedenfalls ist mir der Geruch von Holz und Farbe, das alte schrebbelige 70iger Jahre Radio auf dem Schrank mit den Feilen und die Berge von Hobelspänen auf dem Fußboden immer noch so präsent, als sei ich gestern noch in Papas Werkzeugkeller gestanden.

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Zu Beginn einer neuen Jahreszeit bereitete meine Mutter jedes Jahr Unmengen von Bastelkarton, Kleber, Scheren, Fundstücke aus dem Wald und Schablonen auf dem Wohnzimmertisch aus. Dann wurde gebastelt und das ganze Haus mit selbstgemachter Deko geschmückt.

Als ich in der Pubertät mit meiner 1,80m Größe dann irgendwie der Zeit voraus war und keine Hosen in der passenden Länge für mich gefunden habe, hat mir meine Mama das Nähen beigebracht. So fing ich an, meine eigenen Klamotten zu nähen und zu entwerfen. Als Weihnachten eine kleine Leinwand mit Acrylfarbe für mich unterm Tannenbau lag, fing ich an zu malen. Als ich meinen damaligen Freund – einen Illustrator – kennenlernte, begann ich zu zeichnen und zu designen. Und als Pinterest aufkam, war es endgültig um mich geschehen. Tausend Ideen und tausend dazu passende Anleitungen schwirren seitdem durch meinen Kopf.

Und jetzt zieht sich das, was ich als Kind so nervig und unnötig kompliziert fand, durch mein ganzes Leben. Selbermachen.

Und dabei ist es eigentlich egal, ob es sich um Malen, Basteln, Nähen, Knüpfen, Stricken, Werken, Kochen oder Backen handelt. Sobald es die geringste Möglichkeit gibt, Dinge selbst herzustellen, ist das mein erster Anspruch.

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Der Haken daran ist, das mir oft die Zeit fehlt, diesem Anspruch gerecht zu werden. Und so habe ich so meine Phasen. Phasen, in denen ich mich am Wochenende hinstelle und Chia-Marmelade für die Woche vorkoche, Brötchen backe und Aufstriche kreiere. Phasen, in denen ich vor Bergen von Stoff sitze und die Nähmaschine den ganzen Tag rennt. Phasen, in denen mein Mann auf Zehenspitzen durch unser Arbeitszimmer tanzen muss, weil überall auf dem Fußboden verschiedene bemalte Dinge zum Trocknen liegen und jeder Schritt die Gefahr von schöner frischer Farbe unter den Socken birgt.

Und das Werken? Das mache ich bis heute am liebsten mit meinem Papa. Sei es, wenn es darum geht, selbst einen neuen Fußboden zu verlegen, oder einen individuellen Schreibtisch für den neuen Arbeitsplatz zu Entwerfen und dann natürlich auch zu Bauen. Schwere Maschinen haben bisher keinen Platz in unserer Wohnung.

Und jedes Mal, wenn wir wieder zusammen etwas erschaffen haben, schwöre ich mir, dass ich das, wenn es soweit ist, ebenso an meine Kinder weitergeben will. Unbedingt. Eine Sache bringt so viel mehr Wertigkeit mit, wenn du dein eigen Schweiß und Herzblut da rein gesteckt hast, denke ich dann. Egal, was es ist, es ist dann ein Stück von dir da drinnen. Ich finde, das ist ein schönes Gefühl.

Deswegen. Do it yourself.

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MAT-DE-2006288_v1.0 (12/2020)