Peter Mario
Peter Mario

ICH HABE SOOOOO EINEN HALS …!

Geballte Fäuste

Jeder kennt das aus seiner eigenen Erfahrung zur Genüge: Man hat sooooo einen Hals, man könnte geradewegs kotzen, es steht einem absolut bis daaaaahin! Alle diese Äußerungen sind Ausdruck einer ganz erheblichen Missbilligung von Umständen und Situationen, die uns allen von Zeit zu Zeit – oder gegebenenfalls sogar täglich – zu schaffen machen ... in manchen Situationen vielleicht sogar mehrmals am Tag.

Auslöser kann ein x-beliebiges Missgeschick im Haushalt sein, eine absolut unangebrachte Äußerung eines Vorgesetzten, ein erneut geplatztes Date mit einer Person, in die man frisch verliebt ist, oder vielleicht sogar nur eine soeben frisch im Supermarkt gekaufte Butter mit erneut abgelaufenem Verfallsdatum … oder, oder, oder … Und solange die eigene Küche nicht wegen einer defekten Leitung unter Wasser steht, ist man eigentlich schon recht froh, wenn der ganz normale Alltagswahnsinn sich in einigermaßen ertragbaren Grenzen hält.

Aber „Einblick“ wäre ja nun nicht „Einblick“, wenn es hier nicht um einen Personenkreis gehen würde, der über den ganz normalen täglichen Wahnsinn hinaus auch noch einen erheblichen Schaff mit seiner chronischen MS und deren Auswirkungen hat.

Rente, Krankenkasse und Co.

Ich kam letztens leider durch eine längere krankheitsbedingte Auszeit in vereinzelte Situationen, die ich eigentlich vorher nicht unbedingt für möglich gehalten habe. Und bei denen ich mich ernsthaft gefragt habe, wie diese Erfahrungen von jemand anderem wohl auf die Reihe gebracht werden können, der zum Beispiel zusätzlich mit einer chronischen Krankheit zu kämpfen hat.

Rückblickend auf die Zeit, als meine an MS erkrankte Frau in teilweise fast absurden persönlichen Erlebnissen noch um ihre Erwerbsminderungsrente kämpfen musste, kann ich hier ganz überzeugt sagen, dass ich aus diesem Zeitraum schon einiges an groben Ungereimtheiten gewöhnt war. Aber es lässt sich alles doch immer noch etwas – im negativen Sinn – steigern ... und gerade in einer Zeit, wo an allen Ecken und Enden das Geld fehlt und eingespart werden muss (oder dies wenigstens die allumfassende Botschaft an die breitere Bevölkerung ist), nehmen die persönlichen Erfahrungen, „bei denen man direkt sooooo einen Hals bekommt“, eher zu als ab.

In meinem Fall ging es um extrem unangenehme Begebenheiten rund um meinen Arbeitsplatz, unschöne Erfahrungen und Fehlkoordinierungen im Rahmen der ärztlichen Betreuung und „last not least“ um einen eventuell am Ende noch in einem Rechtsstreit mündenden Konflikt mit meiner Krankenkasse. Ja genau: Ich habe sooooo einen Hals!

Chronisch krank und der Kampf mit den Ämtern

Was mich aber bei all meinen persönlichen Erfahrungen am meisten umtreibt, ist die Frage, wie all diese Dinge wohl von chronisch Kranken auszuhalten sind – oder auch von Menschen, die sich aus anderen Gründen nicht zur Wehr setzen können.

Ist es überhaupt Aufgabe einer kranken Person, sich zur Wehr setzen zu müssen?

Oder kann und sollte man nicht ganz selbstverständlich jegliche Hilfestellung bekommen, die nur möglich erscheint?

Ich persönlich habe mich eigentlich mein bisheriges Leben lang immer darauf verlassen (und auch in der Vergangenheit weitestgehend darauf verlassen können), dass einem in einem Moment, wo man selbst nicht mehr „kann“, diese Hilfestellung automatisch zu Teil wird ... und dass man nicht noch zusätzlich zur eigenen krankheitsbedingten Einschränkung noch irgendwelche Kämpfe mit Windmühlen unterschiedlicher Art austragen müsse.

Aber die Zeiten ändern sich, und sie ändern sich nicht unbedingt überall im positiven Sinn.

Wenn inzwischen das notwendige Einfühlungsvermögen für Patienten und krankheitsbedingte Situationen eher auf dem Rückmarsch sind und man dieses im Rahmen von Kosten- und Zeitdruck vielleicht auch gar nicht mehr wirklich erwarten und erhoffen darf, dann sehe ich da gerade für Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten wie der MS „eisige Zeiten“ aufkommen. Und da bekomme ich sooooo einen Hals!

Sicherlich wird jeder von uns auf eigene Art und Weise wachsam sein müssen, wie manche sehr ungute Entwicklungen ihren Verlauf nehmen werden. Inwieweit man eine Möglichkeit eines tatsächlichen „Umsteuerns“ oder der „Beeinflussung“ hat, wird sich auch erst noch zeigen müssen. Eine gewisse Wachsamkeit dürfte aber von Haus aus nun mal überhaupt nicht schaden.

Wenn ich mich jetzt hier auch nicht gerade im Einzelnen und ganz konkret „ausgekotzt“ habe, so hoffe ich aber doch inständig, dass ihr ein wenig von dem verstanden habt, was ich mit meinen Worten versucht habe auszudrücken.

Wäre das nämlich nicht der Fall, müsste ich wegen meines eigenen Unvermögens darüber „sooooo einen Hals bekommen“! … ;-)

Ich wünsche euch wie immer alles erdenklich Gute!

Viele liebe Grüße
Peter

GZDE.MS.18.09.0681