Martin
Martin

Mein Kopf und ich

Martin bei der Ergotherapie

Mein Kopf und ich sind beste Freunde. Wir waren es ... die meiste Zeit meines Lebens. So bis vor vier Jahren. Ich war 44 und wusste nicht mehr, ob ich das Auto zugemacht habe, die Haustür abgeschlossen, die Kaffeemaschine ausgemacht, als ich gegangen bin. Oder wem die Telefonnummer gehörte, die ich mir extra aufgeschrieben hatte. Und: „Das habe ich dir doch gesagt!″ „Nein, hast du nicht!“ Oder vielleicht doch …?
Ich google und habe natürlich Alzheimer. Das habe ich mir gedacht, eigentlich habe ich auch mit einem Gehirntumor gerechnet. Ich hake das ab und schiebe meine Vergesslichkeit auf das Alter. Mit Mitte 40 geht es eben bergab.

Plötzlich ist alles anders

Dann werden meine Beine taub, der ganze Körper, am Ende habe ich Multiple Sklerose und ganz andere Probleme als die Frage, ob ich vergessen habe, das Licht im Keller auszumachen. Es ist Chaos und ich versuche, wenigstens die Kontrolle über meinen Körper zurückzubekommen. Ich lese von Schüben und Symptomen. Was man machen kann und was nicht. Ich will mein Gefühl in den Beinen zurück, mein Gleichgewicht, mein altes Leben. Ich bekomme eine Therapie und natürlich gehe ich zur Physiotherapie. Ich mache eine Psychotherapie, um meine Krankheit und mich zu verstehen. Nur einen habe ich in dem ganzen Wust vergessen: meinen Kopf. Ich habe mir so viel über diese Krankheit angelesen. Aber „kognitive Probleme″? Nein, ich bin doch nicht blöd.

Der Kopf meldet sich wieder

Zwei Jahre später habe ich die Kontrolle über meinen Körper zurück, ich spüre meine Beine, ich schaffe zwei Schritte auf einer Slackline, aber mir fällt die PIN von meiner Bankkarte nicht mehr ein. Wie weggeblasen. Ich gucke auf meinen Schreibtisch: Die Post-its werden immer mehr. Problemelösen ist kein Spaß, sondern anstrengend geworden. Im Keller brennt Licht, ich schreibe Memos an mich selbst und meine Passwortsammlung ist zehn Seiten lang. Ich sehe ein, dass ich ein Symptom meiner MS die ganze Zeit ignoriert habe: Ich habe kognitive Probleme. Aber was mache ich jetzt?

Ich lade mir Apps zum kognitiven Training herunter. Sie sind furchtbar langweilig und anstrengend. Ich quäle mich damit und finde, ich schlage mich ganz gut. Ich bekomme 98 Punkte für mein Merkvermögen und bin stolz. Ich gebe meiner Frau das Handy und sie hat 250 Punkte. Ok.

Ich komme alleine nicht weiter. Jetzt mache ich einen Termin bei meiner MS-Nurse. Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, und rede um den heißen Brei herum. Alles ist kompliziert. Sie sagt fröhlich: „Ja, wir haben schon einige Patienten, die mit kognitiven Störungen erwerbsunfähig geworden sind. Das ging ganz problemlos durch bei der Rentenversicherung.″ Das war nicht die Art von Hilfe, die ich mir erhofft hatte. Aber immerhin weiß ich jetzt, was ich nicht will. Ich möchte etwas tun. Ich mache eine Menge Tests. Meine Merkfähigkeit ist „grenzwertig″, aber mein Wortschatz überdurchschnittlich gut. Ich fasse mir das selbst zusammen mit: kann sich nichts merken, aber viel schwätzen.

Ich bekomme eine Verordnung für Ergotherapie „Hirnleistungstraining″ und suche mir eine Ergotherapiepraxis. Ich schaue mir Internetseiten an und habe das Gefühl, Ergotherapie ist Kindergarten mit Kochen und Werken. Ich bin faul und schreibe der Praxis, die am nächsten ist, eine E-Mail, ob sie auch Erwachsene behandeln. Ja, das tun sie. Und ich habe nächste Woche einen Termin.

Allein unter Kindern

Also sitze ich eine Woche später auf einem Flur, gucke auf eine Schaukel, eine Kletterwand und eine Werkbank. Kinder schreien und ich komme mir vor, als hätte ich mich in der Tür geirrt. Aber ich will etwas für meinen Kopf tun, ich brauche Hilfe. Ich bin etwas skeptisch, die Ergotherapeutin fragt mich nach meinen Lebensumständen, Arbeit, der MS und wie ich meinen Alltag bewältige. Damit ist die erste Therapiestunde um und ich bin noch nicht viel schlauer. Aber die Praxis hat etwas Faszinierendes und das Kind in mir freut sich auf das nächste Mal. Immerhin habe ich ein Piratenschiff in der Praxis erspäht.

Eine Woche später sitze ich meiner Ergotherapeutin gegenüber. Ich soll mir ein Hörbuch anhören, mir die Handlung merken und dabei ein Bild malen. Sie hat mich sofort erwischt, denke ich. Zwei Sachen auf einmal vermeide ich immer. Lieber nacheinander und geordnet. Und ich soll malen. Ich bekomme Buntstifte. Ich habe seit 30 Jahren nichts mehr gemalt. Ich bin erwachsen. Ich kenne nur Textmarker. Aber es guckt ja keiner. Also male ich. Grauenhaft schlecht. Vergesse das Hörbuch und male einen See. Dann werde ich abgefragt. Keine Ahnung, worum es im Hörbuch ging. Aber ich habe einen See gemalt. Und meine Ergotherapeutin sagt, es ist doch schön geworden. Ich wette, das sagt sie immer. Außerdem lässt sie mich beim Memory gewinnen.

Ich gehe jede Woche zur Ergotherapie und mache immer etwas anderes. Ich ordne geometrische Formen zu und finde Fehler. Erkenne Muster und zeichne sie nach. Merke mir Tiere und Obst. Aber was mache ich eigentlich? Lerne ich? Ändert sich etwas? Hilft mir das überhaupt? Ich finde keine Antwort, aber ich freue mich immer auf die Therapie, also mache ich weiter.

Ostern … und ich bastele dieses Jahr mit

Ostern steht vor der Tür. In der Ergotherapiepraxis wird nach Festen und Jahreszeiten gebastelt. Mir ist das total fremd. Ich komme aus einem anderen Leben. Mit Servern, Logs, Meetings und Objectives. Ich gehe aus dem Büro und sitze fünf Minuten später an einer Werkbank und bemale Ostereier. Und gehe gleich wieder ins Büro. Ich lächle in mich hinein und denke: „Das war die tollste Mittagspause, die du seit Jahren hattest.″

Basteln macht mir Spaß, trotz meiner zwei linken Hände. Ich sage zu meiner Ergotherapeutin, dass ich gerne weiterbasteln möchte. Für meine Feinmotorik und meine Koordination, die können es auch gebrauchen. Ich lege los und bastele für meine Drillingsnichten Schultüten, töpfere eine Qualle, säge ein Pferd aus und mache ein Schwein aus Pappmaché. Ich schenke meinen Nichten die Sachen und sie werden von ihnen genau geprüft. Hanna sagt: „Onkel Martin, da hast du dir aber echt Mühe gegeben.″ Dafür hat es sich gelohnt.

Böse Überraschung in der Ergotherapie

Beim nächsten Besuch in der Praxis empfängt mich ein großer schwarzer Hund, der mich anbellt. Ich bin starr vor Angst. Der Hund hat angeblich Angst vor Männern mit Bart. Eine schlechte Kombi. Ich sitze sehr angespannt auf meinem Stuhl. Dem Hund ist es egal, er legt sich neben mich und schläft ein. In der nächsten Therapiestunde bellt er immerhin nicht mehr. Er stupst mich mit der Schnauze an der Hand an und will gestreichelt werden. Das mache ich dann auch und entspanne mich langsam. Ich und der große schwarze Hund. Wir werden Freunde.

Vor zwei Jahren bin ich zur Ergotherapie gekommen, weil ich Dinge vergessen habe und ich Angst hatte, noch mehr zu vergessen. Immer Angst und Stress. Was ist, wenn es schlimmer wird? Wirst du weiterarbeiten können?

Ich vergesse immer noch etwas. Aber ich habe keine Angst mehr. Ich habe die besten Mittagspausen der Welt. Ich kann basteln. Ich habe keine Angst mehr vor großen schwarzen Hunden. Ich entspanne mich. Wenn ich gelassen bin, kann ich besser denken. Mein Kopf und ich werden wieder Freunde. Egal ob ich vergessen habe, das Auto abzuschließen. Es gibt Wichtigeres. Einen See zu malen zum Beispiel.

Martin mit großem schwarzem Hund
MAT-DE-2105132-1.0-10/2021