Immer eine gute Idee: Kreativität.

Frau, die auf einem Hocker sitzend Gitarre spielt (Zeichnung)

Viele Menschen wünschen sie sich, doch erzwingen lässt sie sich nicht: Kreativität. Wie kommen wir eigentlich auf neue Ideen? Und wie kann die Suche nach neuen Gedanken sogar unsere Gesundheit beeinflussen?

Eigentlich sind wir alle kreativ. Wir basteln lustige Geburtstagskarten für den eigenen Nachwuchs, planen originelle Menüs, wenn nur noch ein paar Reste im Kühlschrank stehen, oder brainstormen stundenlang, wenn ein Name für ein neues Haustier gefunden werden soll. Doch wenn es darum geht, sich unter Zeitdruck etwas auszudenken, verfallen viele Menschen gefühlt in den Panik-Modus. Es stellt sich also die Frage: Warum fällt es manchen Menschen leicht, kreativ zu werden? Und was ist eigentlich Kreativität genau?

Die Hirnforschung hat sich lange mit diesem Thema beschäftigt und ist dabei zu einigen spannenden Erkenntnissen gekommen.

Wie entstehen gute Ideen?

Kreativität beginnt mit sogenanntem divergentem Denken. Dabei findet unser Gehirn für ein Problem zunächst zahllose Lösungsmöglichkeiten. Als zweiter Schritt folgt das sogenannte konvergente Denken, bei dem die Möglichkeiten eingeschränkt werden, um handlungsfähig zu werden.

Wir kennen solche Momente aus dem Alltag. Auch wenn morgens nach dem Aufstehen mehrere Hosen zur Auswahl stehen, die wir anziehen könnten, signalisiert uns glücklicherweise unser Gehirn recht schnell, dass wir nur eine von ihnen tragen werden. Kreativität umfasst also auch die Entscheidung für die Idee, die uns am besten erscheint und zur Lösung einer Aufgabe führt. Die Zusammenarbeit von divergentem und konvergentem Denken macht uns kreativ – wir lassen uns sprichwörtlich eine Idee durch den Kopf gehen, wenn wir auf der Suche nach der richtigen Entscheidung sind.

Ist Kreativität eine Frage der Intelligenz?

Kreativität lässt sich nicht wissenschaftlich messen. Leider und zum Glück. Wer sollte auch entscheiden, was kreativer ist: ein Bild von Pablo Picasso oder das erste Bild, das die eigene Tochter zum Muttertag gemalt hat? Beim Thema Kreativität gibt es kein Richtig oder Falsch, denn gerade die ungewöhnlichen Gedankengänge können besonders inspirierend sein.

Allerdings kann die moderne Gehirnforschung mithilfe von Untersuchungsmethoden wie einem Elektroenzephalogramm (EEG) erkennen, wann unser Gehirn besonders kreativ ist. Erstaunlich ist dabei, dass die meisten Menschen dann die besten Einfälle haben, wenn sie auf den ersten Blick wenig dafür tun: Wer einfach nur herumsitzt und ein wenig tagträumt, kommt oft auf die tollsten Visionen und Gedanken. Entsteht dabei ein Geistesblitz, der sich auch noch praktisch umsetzen lässt, werden Glücksgefühle im Körper freigesetzt – und wir freuen uns über eine gute Idee, mag sie auch noch so klein sein.

Die größten Kreativen sind eigentlich die Kleinsten.

Wenn Kinder spielen, vergessen sie alles um sich herum, sie sind im sogenannten „Flow“, das ist der Begriff, den der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi einst für die Momente erfand, in denen uns eine Aufgabe völlig in ihren Bann zieht und wir das Drumherum vergessen. Wir sind im „Fluss“ mit unserer Tätigkeit. Und Kinder bringen eine weitere Charaktereigenschaft mit, die viele kreative Köpfe gemeinsam haben: Sie zensieren ihre Ideen nicht. Mag es Erwachsenen auch absurd erscheinen, kann für ein Kind ein simpler Gegenstand wie ein Pappkarton mit Fantasie und Kreativität alles sein – von der Ritterburg bis zum Raumschiff auf dem Weg ins All.

Wirft man einen Blick in eine Werbeagentur, sieht man in den meisten Fällen recht junge Kreative, die dort jeden Tag neue Ideen für zahlende Kunden entwickeln müssen. Auch die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die mit Preisen wie dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet werden, sind meist unter 30 Jahren jung. Doch ist Kreativität wirklich eine Kompetenz, die mit zunehmendem Alter weniger wird?

Zum Glück können wir auch im hohen Lebensalter noch kreativ sein und kreativ bleiben. Wie die Wirtschaftswissenschaftler und Forscher Bruce Weinberg und David Galenson untersucht haben, gibt es durchaus Ökonomen, die erst in späteren Lebensjahren wirklich erfolgreich neue Konzepte und Ideen verwirklichen. Im Unterschied zu jungen Konkurrenten, die oft schnell mit einer großen Idee überzeugen, gehen sie dabei mit mehr Systematik und naturgemäß auch mehr Erfahrung vor.1

Macht Kreativität gesund?

Die Freude über einen guten Einfall setzt den Glücksstoff Dopamin frei. Doch ein kreatives Leben kann noch mehr bewirken, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgestellt hat. Bei der Auswertung von 900 Forschungsvorhaben aus aller Welt wurde deutlich, dass kreatives Handeln nicht nur Freude macht, sondern auch die Gesundheit schützen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob man selbst aktiv wird oder sich kreativ unterhalten lässt. Singen, Tanzen oder Schauspielern fördern ebenso die Stimmung wie ein Kino- oder Theaterbesuch.

Doch Kreativität kann noch mehr: Sie stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kindern durch gemeinsames Spielen und Entdecken, hält bis ins hohe Alter geistig fit und kann beim Abbau von Übergewicht helfen. Kein Wunder also, dass manche Medizinerinnen und Mediziner inzwischen sogar fordern, Kunst, Kultur und Kreativtechniken zum Teil der medizinischen Ausbildung und zur Behandlungsmethode für die Patientinnen und Patienten zu machen.

Auch Aktivitäten wie Basteln, Malen oder Fotografieren, die Welt der Literatur mit ihren vielen Facetten und selbst digitale Tätigkeiten wie Kunst im Netz fördern die gute Laune und stärken Menschen für alle Lebensbereiche. Wichtig ist dabei eine frühe Förderung der kreativen Stärken: Kinder, denen zu Hause vorgelesen wird, können sich in der Schule deutlich besser konzentrieren als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Und wer im Chor singt, macht nicht nur sich und anderen eine musikalische Freude, Chormitglieder leiden auch weniger häufig unter dem Gefühl von Einsamkeit.2

Wofür auch immer man sich entscheidet, um seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen, wichtig ist vor allem, was ein bekannter Sportartikelhersteller einst als Werbespruch verkündete: Just do it! Mögen andere auch lachen oder Ideen als weltfremd oder unrealistisch abtun – wahre Kreative glauben an ihre Ideen und erfreuen sich an ihnen.

Und das ist doch wirklich mal eine schöne Idee.

„Der Kreative tritt an, die Welt zu verschönern.“ 3 

Frank Berzbach, Autor des Buches „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“

Drei kreative Köpfe und ihre Methoden:

Brainstorming

1. Der Philosoph und Autor Alex Faickney Osborn gilt als Erfinder des modernen Brainstormings, bei dem vor allem eines wichtig ist: Alle Ideen sind erlaubt. In der ersten Runde eines Brainstormings gibt es deshalb keine Bewertung, ob ein Gedanke gut, schlecht oder sogar völlig absurd ist. Osborn war überzeugt: Oft reicht schon ein anderer Blickwinkel auf eine Herausforderung, um neue Lösungen hervorzubringen.

 kreativen „Flow“

2. Bei Mihaly Csikszentmihalyi ist nicht nur der Name ungewöhnlich. Der Kreativitätsforscher, der an der Universität von Chicago als Psychologieprofessor lehrte, benannte 1975 den kreativen „Flow“. Diesen Flow erleben Kreative immer dann, wenn sie sich voll und ganz mit einer Idee oder Tätigkeit beschäftigen und alles andere um sich herum ausblenden. Ein Zustand, den viele von uns noch aus der eigenen Kindheit kennen, wenn man beim Spielen mal wieder völlig die Zeit vergessen hat.

verschiedenen Blickwinkeln

3. Der Vater von Figuren wie Mickey Mouse, Pluto und Donald Duck hieß natürlich Walt Disney. Stolze 26 Oscars brachte ihm sein kreatives Werk ein. Seine Inspiration erklärte er mit der nach ihm benannten Walt-Disney-Methode. Dabei wird ein kreatives Problem jeweils aus drei verschiedenen Blickwinkeln oder Rollen betrachten: Visionär, Controller oder Macher suchen gemeinsam nach einer Lösung, die dann auch schon mal eine Maus mit lustigen Ohren sein kann.

Quellen:
1 Weinberg Bruce A., Galenson David W. Creative Careers: The Life Cycles of Nobel Laureates in Economics. De Economist 2019; 167: 221–239 2 Fancourt Daisy, Finn Saoirse. Welche Erkenntnisse gibt es über die Rolle der Künste bei der Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden? Eine Bestandsaufnahme. WHO HEALTH EVIDENCE NETWORK SYNTHESIS REPORT 2019; 67 3 zitiert nach: www.gatesieben.de/frank-berzbach, letzter Zugriff: 04.04.2022
MAT-DE-2201387-1.0-042022