Marie
Marie

Ich sehe uns gemeinschaftlich, mit Zuversicht und Mut

Bühne vs. Wald

Ich hatte Lust auf Veränderungen. Im Februar 2020 verließ ich meine geliebte Heimatstadt Hamburg, zum ersten Mal in meinem Leben. Eine lange Zeit schon hatte ich aber immer mal darüber nachgedacht, nach Berlin zu ziehen. Keiner wusste das. In mir steigerte sich das Bedürfnis nach ganz neuen Eindrücken. Meine Kreativität dadurch anders anzuregen, neue Reize zu setzen. Einfach wirklich mal woanders zu leben.

Mein langjähriges Bandprojekt, für das ich über 6 Jahre von morgens bis abends im Studio gearbeitet hatte, war zerbrochen. Wir hatten ziemlich erfolgreiche erste 2 Jahre für unseren Newcomer-Status, spielten (Live-)Auftritte, waren im TV & Radio und das schlug erste Wellen. Schließlich konnten wir nicht mehr daran anknüpfen. Eines Tages war dann plötzlich alles vorbei. Ohne Abschluss, ohne Produkt in den Händen. Viele Jahre, einfach verpufft.

Ich reflektierte eine Weile, steckte in einer kleinen Krise. Auch die MS zickte plötzlich eine Zeitlang aktiver rum. Vieles hatte ich an mir vorbeiziehen lassen, für diese Band. Ich blickte eine Weile zurück, versuchte objektiv auf mein Leben und meine Entscheidungen zu schauen.

Plötzlich war er dann da. Der Entschluss zum Gehen.
Für mich ein Prozess, für viele meiner Lieben schien es spontan.
Jetzt wollte ich nach Berlin.

Ich hatte wieder einen Plan und blickte nach vorn. 
2020 – alles neu

Ich sprang ins kalte Wasser, ließ erstmal meinen Freund zurück und nahm nur meine Klamotten und mein Musikprogramm, den Laptop und meinen Synthesizer zum Aufnehmen mit.

Während mein neuer Teilzeitjob schon begonnen hatte, fing ich an, nach Proberäumen zu suchen. Schnell wollte ich wieder laut Musik machen. Außerdem recherchierte ich die Hotspots für Straßenmusik in Berlin und fing an Mucke-Sessions zu planen. Ich war Feuer und Flamme und gespannt auf die Szene in Berlin. Musik machen auf der Bühne, es ist einer der schönsten Zustände für mich. Ich fühle mich dann super, echt.

Marie auf der Bühne

Eines Abends stieß ich dann zufällig auf eine Stellenausschreibung des Musikvertriebs, über welchen mein Freund und ich in unserem Band-Duo Ende 2019 noch unser Debütalbum veröffentlicht hatten. Ich bekam den Job und konnte es kaum glauben. Mitte März 2020 sollte ich dann in dem Musikvertrieb starten.

Gerade als mein Freund dann auch nach Berlin kommen wollte, kamen die Nachrichten, dass sich das Coronavirus, von dem wir Ende 2019 das erste Mal mitbekamen, weiterverbreitete. Mit einem vollbeladenen Bus mit unserem Musikequipment starteten wir gerade von Hamburg nach Berlin. Während sich auf der Welt alles schlagartig veränderte, war ich immer noch beflügelt und motiviert.

Umzug nach Berlin

Wir fuhren von meiner Mutter aus los. Ich wollte mir wie gewohnt noch Desinfektionsmittel kaufen, doch die Regale waren leer. Es machte sich ein komischer Beigeschmack in mir breit. Sonst stand ich immer alleine vor dem Regal.

Ich bekomme bezüglich der MS ein immunsupprimierendes Medikament, muss seit Jahren sehr darauf achten, mich nicht zu erkälten, und verhalte mich entsprechend, auf Anraten der Ärzte. Abstand, wenn jemand krank ist, keine Umarmungen in solchen Fällen und so weiter. Gerne immer Desinfektionsmittel dabeihaben. Ich kenne es seit Jahren nicht anders. So wie alle meine Angehörigen. Sie schützen mich dann automatisch, sagen Verabredungen ab, wenn sie sich krank fühlen. Denn wenn ich mich erkälte, dann meist heftig und lange.

Jetzt also kein Desinfektionsmittel mehr. Und damit ging es los. Plötzlich wurde mein gesamter Plan umgeworfen. Durch meinen Umstand gehöre ich zur Risikogruppe, auch wenn ich in der öffentlichen Diskussion nicht viel vorkam. Man fing schnell an, über die gefährdeten Gruppen zu sprechen, redete diesbezüglich aber hauptsächlich von alten Menschen, nicht von mir. Während ich zurückblickte und gleichzeitig in die Zukunft, samt all meiner neuen Pläne, erkannte ich plötzlich, dass die Welt sich verändert hatte.

Seit dem 1. Lockdown arbeite ich nun in meinem neuen Job aus dem Homeoffice. Von Berlin kenne ich nach 10 Monaten die schönsten Orte in der Natur. Wir fahren immer mit dem Auto raus. Ich hatte einen Sommer in Isolation, an den schönsten Plätzen und Seen. Immer dort, wo niemand oder kaum sonst jemand ist.

Einsame Orte in Berlin

Mein behandelndes Ärzteteam empfiehlt mir auch draußen, wenn dort andere Menschen lang gehen, eine FFP2-Maske zu tragen. In geschlossenen Räumen, außer im Supermarkt und in Arztpraxen, war ich seit März gar nicht mehr mit anderen Menschen zusammen. Wenn ich überhaupt Freunde treffe, dann draußen und unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen.

Wieder ist alles anders gekommen. Und trotzdem geht es weiter. Die Zeit bleibt nie stehen. Ich bewege mich immer mit. Auch wenn sich das Leben oft anders und fremdgesteuert anfühlen kann, habe ich es doch in der Hand. Ich finde, hier gehört eben alles dazu. 

Das ist das Leben. JETZT ist die Zukunft.

Ich glaube, wenn ich äußeren Faktoren nicht so eine große Macht verleihe, dann schaffe ich es den Weg zu gehen, den ich mir für mein Leben wünsche. So auch jetzt.

Ich habe mich vor langer Zeit dazu entschieden, mich nicht von Ängsten ausbremsen zu lassen. Das hält mich vom Leben ab. Ungewissheit kann ich nicht einplanen, also versuche ich’s auch nicht. Ich gehe mit ihr, wenn sie da ist. In meinem Stil.

Kurz war ich traurig, auch meine Liebsten nicht richtig zu sehen und nun eben keine Bühnen in Berlin zu besteigen. Ich sammle trotzdem die schönsten Momente. Nach langer Zeit wollte ich mal umlenken, etwas anders vorwärts gehen als vorher. Mal anders abbiegen. Wieder live mit meiner Musik Wellen schlagen. Jetzt mache ich damit erstmal online weiter.

Dieses Jahr bestätigt für mich viele meiner Lebensdevisen. Ich lebe den und im Moment. Nehme ausgiebig wahr, was passiert und was nicht, und kreiere damit meine eigene Welt. Corona zeigt mir auch, wie krisenerprobt ich unter anderem durch meine MS-Erkrankung bin und auch wie viele andere Menschen es bisher nicht sein mussten. Ich staune darüber, wie sich die Wesen verändern oder zum Vorschein kommen. Einfach, was die Menschen daraus machen, wozu sie sich entscheiden.

Ich wünsche uns allen einen kühlen Kopf in diesen Zeiten. Es ist nicht vorbei, es geht nur anders weiter. Nun blicke ich nach vorne und sehe die Welt aufgeräumter. Jeder kann sich gerade besser kennenlernen. Ich sehe uns gemeinschaftlich, mit Zuversicht und Mut.

MAT-DE-2007291 v1.0 (01/2021)