Ein hilfreicher Begleiter für jeden Tag: das eigene Tagebuch

Ein hilfreicher Begleiter für jeden Tag: das eigene Tagebuch

Was hatten so unterschiedliche Menschen wie der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle und die von den Nationalsozialisten verfolgte Anne Frank gemeinsam? Sie alle schrieben Tagebuch, um in schwierigen Lebenssituationen neuen Mut zu finden und ihr Handeln und Denken zu reflektieren. Auch für Menschen mit MS kann ein Tagebuch eine wichtige Hilfe sein, um Stress zu reduzieren und Sorgen und Herausforderungen besser zu bewältigen.

Vielleicht hast Du selbst schon als Teenager ein Tagebuch geschrieben und ihm Deine geheimen Wünsche und Vorstellungen anvertraut? Dann kennst Du das gute Gefühl, die eigenen Zweifel, Fragen und Gedanken zu Papier zu bringen und sie dabei zu sortieren.

Heute sind sich Wissenschaftler sicher: Mit einem Tagebuch kann man sich besser kennenlernen und den Alltag glücklicher wahrnehmen.

Schreiben als Psychohygiene?

Silke Heimes, als Medizinerin und Professorin für Journalistik eine Expertin für dieses Thema, weiß um die besondere Bedeutung des Tagebuchschreibens für Menschen mit einer chronischen Erkrankung. Sie erklärt: „Schreibend kann man einen Zugang zu seiner Krankheit bekommen – und einen guten Umgang damit finden.“1

Heimes gründete 2007 im hessischen Darmstadt ein eigenes Institut für kreatives und therapeutisches Schreiben und setzte so eine Erkenntnis um, die Wissenschaftler schon vor vielen Jahren entwickelten: Schreiben hilft bei der Bewältigung von schwierigen Lebenslagen und bringt auf neue Ideen.

Dabei kommt es nicht auf die Zeit oder die Tiefe der Gedanken und Formulierungen an – es reichen schon wenige Minuten am Tag, um mithilfe eines Tagebuchs Frustration und Ängste zu verringern. Hilfreich ist dabei die freie Form des Schreibens – niemand bewertet oder kontrolliert, was Du schreibst. So können neue Gedanken und Ideen entstehen und es kann Rückschau gehalten werden, was im Laufe des Tages besonders schön oder schwierig war. Silke Heimes nennt dieses private Schreiben einen wichtigen Beitrag zur „Psychohygiene“, mit der man sich selbst ohne jeden Druck erforschen kann.2

Schreiben macht stark – das Experiment des James Pennebaker

Der US-Amerikaner James Pennebaker, der als Professor für Psychologie an der University of Texas in Austin lehrt, führte in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts einige Experimente durch, die eine neue Form der Therapie begründeten: das expressive Schreiben.

Seine Versuchsanordnung war dabei im Grunde recht simpel. Er bat eine Gruppe Studierender, offen und ehrlich über schmerzliche Erlebnisse und Kränkungen in ihrem Leben zu schreiben, während eine Vergleichsgruppe im selben Zeitraum eher banale Alltäglichkeiten zu Papier brachte.

Das Ergebnis war verblüffend: Die Studierenden, die sich ihren Kummer von der Seele geschrieben hatten, waren in den darauffolgenden Monaten deutlich widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten als die zweite Gruppe.3

Offensichtlich trifft zu, was die Literaturnobelpreisträgerin und Tagebuchschreiberin Herta Müller einmal über das Notieren der eigenen Gedanken behauptete: „Die Angst ließ sich durch Schreiben zähmen.“4

Wissenschaftler der Universität Chicago konnten in Versuchen sogar nachweisen, dass Menschen besser in Tests und Prüfungen abschnitten, wenn sie vorher ihre Befürchtungen zu Papier gebracht hatten.5

Einfach mal Danke sagen?

Das geht auch im Tagebuch Es sind nicht nur Probleme und Sorgen, die Du einem Tagebuch anvertrauen kannst – viele Menschen führen ein sogenanntes Dankbarkeitstagebuch. Wer vor dem Einschlafen am Abend noch einmal in schriftlicher Form seinen Tag rekapituliert, kann sich nicht nur an die schönen und erfreulichen Momente erinnern, er oder sie schläft mit Sicherheit auch tiefer und entspannter.

Wissenschaftler wie der US-amerikanische Psychologe Robert A. Emmons sind überzeugt davon, dass der tägliche Gedanke an Dinge, für die Du dankbar bist, Dir dabei helfen kann, ein glücklicheres Leben zu führen.

Als einer der ersten Akademiker begann er mit Forschungsarbeiten zu diesem Thema und führte 2003 gemeinsam mit Michael McCullough drei Studien durch, von denen sich die dritte auf Menschen mit chronischen Erkrankungen konzentrierte. Ähnlich wie James Pennebaker unterteilten sie die Probanden in drei Gruppen, von denen nur eine positiv notierte, wofür sie Glück und Dankbarkeit empfand. Nach zehn Wochen stand fest: Diese dritte Gruppe der „Dankbaren“, die entsprechende Tagebücher geführt hatten, fühlte sich deutlich besser und konnte teilweise ihre körperliche Fitness verbessern.6

Die verschiedenen Funktionen eines Tagebuches

Die Psychoanalytikerin und Professorin für Psychologie Inge Seiffge-Krenke hat fünf Hauptfunktionen definiert, die das Tagebuchschreiben mit sich bringt: Erinnerung, emotionale Entlastung, Selbstintegration, Selbstkritik und das Tagebuch als Vertrauter, mit dem man seine Geheimnisse teilen kann.7

Für Menschen mit MS kommt noch eine weitere Funktion hinzu, die wichtig sein kann: Mithilfe eines Tagebuches kannst Du für Dich selbst nachvollziehen, was Dir besonders gutgetan hat, was vielleicht schwierig gewesen ist und was Du gerne ändern würdest. Gedanken und Informationen, die Du auch für Gespräche mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin nutzen kannst – oft wird einem beim Notieren des Erlebten vieles klarer, was man schon vorher im Kopf hatte, aber nicht als klaren Gedanken fassen konnte.

Der erste Schritt zum eigenen Tagebuch: einfach losschreiben

Dabei muss Dein Tagebuch gar keine weltbewegenden Überlegungen beinhalten. Vielleicht fragst Du Dich einfach selbst, wie es Dir am heutigen Tag ergangen ist, was Du gerne in Erinnerung behalten möchtest und was Dich in den nächsten Tagen erwartet. Am Allerwichtigsten ist dabei natürlich eines: Du musst einfach anfangen zu schreiben.

Mach Dich dabei frei von Gedanken wie „Das ist doch banal“ oder „Vielleicht ist es mir peinlich, wenn ich das später noch einmal lese“. Dein Tagebuch geht nur Dich etwas an.

Dabei braucht es nicht viel, um zu beginnen. Ein Stift und ein Block reichen, um das eigene Tage-buch zu beginnen. Und wer es moderner mag, kann sein Tagebuch natürlich auch online führen. Dabei helfen Apps wie „Diaro“ oder „Daylio“, die oft kostenlos zu bekommen sind, wenn dafür Werbeeinblendungen in Kauf genommen werden.

Und falls Du das Gefühl hast, Deine Gedanken und Erfahrungen könnten auch anderen Menschen helfen oder interessant für sie sein, dann überleg doch mal, ob Du nicht einen Blog im Internet beginnen möchtest. Vielleicht eröffnet es Dir neue Kontakte zu anderen Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation wie Du sind. Oder es zeigt Menschen, die mit dem Thema MS nicht vertraut sind, wie Dein Leben aussieht.

In jedem Fall bringt ein Tagebuch – in welcher Form auch immer – Struktur in die eigenen Gedanken und hilft beim Definieren neuer Ziele und Wege. Also, warum fängst Du nicht gleich heute damit an?

Quellen:
 
1 „Warum Schreiben für Körper und Seele heilsam ist“, WELT am Sonntag, 15.12.2020
2 „Schreiben als Heilmittel?“, Federwelt, August 2020
3 „Schreib dich frei“, DIE ZEIT 14/2016, 23.03.2016
4 zitiert nach: „Schreib dich frei“, DIE ZEIT 14/2016, 23.03.2016
5 https://news.uchicago.edu/story/writing-about-worries-eases-anxiety-and-improves-test-performance, letzter Zugriff: 28.01.2021
6 https://www.geo.de/wissen/gesundheit/22678-rtkl-schwarz-weiss-tagebuch-mit-einem-einfachen-trick-sehen-sie-vieles; letzter Zugriff: 28.01.2021
7 „Das Medium der Selbstbewahrung“, Christine Weber-Herfort, Psychologie Heute 11/2009