Impfstoffe gegen Corona: Wo liegen die Unterschiede?

Impfstofftypen bei COVID-19

Große Hoffnungen, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, werden derzeit auf die Impfung gesetzt. Doch manche Menschen fragen sich andererseits, ob die neuen Impfstoffe auch deutliche Nebenwirkungen verursachen könnten. Ist diese Skepsis berechtigt? Und wie unterscheiden sich die neuen Impfstoffe?

Monatelang wurden sie sehnlichst erwartet, nun sind mehrere Impfstoffe (Vakzine) gegen COVID-19 verfügbar geworden. Weitere Impfstoffe sind noch in der klinischen Entwicklung. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden derzeit 48 Impfstoffkandidaten in Studien geprüft und 164 potenzielle Impfstoffe sind in den pharmazeutischen Labors in Entwicklung.1,2 Auch das Unternehmen Sanofi arbeitet an der Entwicklung verschiedener Impfstoffkandidaten.3

Bevor Impfstoffe in Deutschland und generell in Europa zugelassen werden können, müssen umfassende Untersuchungen absolviert werden. Die Impfstoffkandidaten müssen zudem nach strengen gesetzlichen Vorgaben in klinischen Prüfungen an freiwilligen Studienteilnehmern hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und auch hinsichtlich ihrer Verträglichkeit und Sicherheit untersucht werden. Erst wenn diese Prüfungen erfolgreich abgeschlossen wurden, kann ein sogenannter Zulassungsantrag gestellt werden.

Die Zulassungsverfahren für COVID-19-Impfstoffe werden in Europa durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA (European Medicines Agency) koordiniert. Dabei prüfen und bewerten Experten der nationalen Arzneimittelbehörden die vom Impfstoffhersteller eingereichten Daten. Sind alle Prüfungen abgeschlossen, alle weiteren Voraussetzungen erfüllt und überwiegt zudem der zu erwartende Nutzen der Impfung die potenziellen Risiken, so wird in aller Regel eine offizielle Zulassung erteilt und der Impfstoff kann beim Menschen angewandt werden.

Rasche Impfstoffentwicklung

Während für die Entwicklung von neuen Impfstoffen bisher viele Jahre üblich waren, konnten die neuen Corona-Impfstoffe erheblich schneller auf den Markt gebracht werden. Dies ist letztlich neuen Technologien, Vorerfahrungen mit Impfstoffprojekten gegen verwandte Viren wie dem MERS-CoV und der intensiven Zusammenarbeit der Hersteller mit den verantwortlichen Behörden zu verdanken.2

Die Unternehmen hatten außerdem bereits mit der Produktion begonnen, obwohl die Möglichkeit bestand, dass der Impfstoff bei seiner Erprobung scheitern könnte, und das Risiko gegeben war, dass er nach der unabhängigen Prüfung seitens der Behörden nicht zugelassen werden würde. Dieses Risiko sind die Hersteller eingegangen. Grundsätzlich beschleunigten die Beteiligten die Testverfahren also nicht, indem sie Überprüfungen ausgelassen haben. Stattdessen führten sie die in der Regel nacheinander stattfindenden Studien teilweise parallel durch und bereiteten die Zulassungsverfahren frühzeitig vor.2

Zudem werden hierzulande nach der Marktzulassung weiterhin Daten zur Wirksamkeit und zu potenziellen Nebenwirkungen und Impfreaktionen zentral und herstellerunabhängig vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erfasst. In der Zusammenschau der nationalen und internationalen Beobachtungen kann so gewährleistet werden, dass auch Nebenwirkungen und Impfreaktionen erkannt werden, die so selten auftreten, dass sie nur bei einer sehr hohen Zahl durchgeführter Impfungen auffällig werden.

Die neuen Impfstoffe unterscheiden sich untereinander und bei den meisten Vertretern wird die Schutzwirkung auch über andere Mechanismen als bei den üblichen Schutzimpfungen bewirkt.

COVID-19-Impfstoffe im Vergleich

COVID-19-Impfstoffe im Vergleich

Impfstofftypen bei COVID-19. Modifiziert nach: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/woran-wir-forschen/impfstoffe-zum-schutz-vor-coronavirus-2019-ncov

mRNA-Impfstoffe

Als erste Impfstoffe gegen COVID-19 wurden hierzulande sogenannte mRNA-Impfstoffe verfügbar. Es handelt sich um den Impfstoff Cominaty® von BioNTech/Pfizer, der seit dem 21. Dezember 2020 in Deutschland eingesetzt werden kann, sowie den COVID-19-Impfstoff des Unternehmens Moderna, der am 6. Januar 2021 die Zulassung erhielt.

Beide Impfstoffe sind genbasiert, sie enthalten Genabschnitte des SARS-CoV-2-Virus in Form sogenannter Boten-RNA, kurz mRNA. Das „m“ steht für „messenger“ und „RNA“ für „ribonucleic acid“ (Ribonukleinsäure). Die mRNA ist eine Art Kopie für den Nachbau spezieller Proteine in Körperzellen. Im Fall der COVID-19-Impfstoffe handelt es sich um mRNA für Virusproteine. Diese können – entgegen gelegentlich zu hörender Befürchtungen – die menschlichen Erbanlagen nicht verändern. Denn ein direkter Einbau von mRNA aus dem Impfstoff in die DNA, also in die Erbanlagen des Menschen, ist nicht möglich, da sich die chemischen Strukturen voneinander unterscheiden.2

Nach der Impfung wird die mRNA von menschlichen Körperzellen aufgenommen.1 Diese nutzen die mRNA des Virus als Vorlage, um die jeweiligen Virusproteine selbst zu bilden, die dann als sogenannte Antigene wirken. Sie stimulieren das körpereigene Immunsystem zur Bildung von Antikörpern, sodass es im Fall eines Viruskontakts zu einer schützenden Immunantwort kommt. Allerdings können nur bestimmte Proteine von den Körperzellen so produziert werden, ein vollständiges Virus kann nicht erzeugt werden. Die mit dem Impfstoff in den Körper eingebrachte virale mRNA bleibt zudem nicht im Körper, sondern wird kurz nach der Impfung abgebaut.4

Durch die Impfstoffe wird die Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu erkranken, um 95 beziehungsweise 94 Prozent gegenüber nicht geimpften Personen reduziert.1 Eine geimpfte Person wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an COVID-19 erkranken, wenn sie mit dem SARS-CoV-2-Virus in Kontakt kommt. Wie lange der Impfschutz anhält, ist noch nicht genau bekannt. Bei beiden Impfstoffen sind zwei Impfungen notwendig, damit die volle Wirksamkeit erreicht wird.4

Beide zugelassenen mRNA-Impfstoffe wurden eingehend getestet. In den Untersuchungen gab es bislang keine Hinweise auf schwere Nebenwirkungen oder Impfschäden. An den klinischen Studien haben mehrere Zehntausend Probanden teilgenommen und wurden genau medizinisch beobachtet, ohne dass sich Bedenken hinsichtlich der Zulassung ergaben.1 Entsprechend den bisherigen Erfahrungen können als häufigste Nebenwirkungen der Impfung leichte bis mäßige Schmerzen an der Einstichstelle, Erschöpfung sowie Kopfschmerzen auftreten. Die Nebenwirkungen sind vorübergehend und bilden sich normalerweise innerhalb von wenigen Tagen zurück.2 Inzwischen überblicken die Experten des Paul-Ehrlich-Instituts mehr als 600.000 Impfungen mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Die Nebenwirkungsrate war dabei bisher geringer als in den klinischen Studien und es wurden keine neuen oder unerwarteten Risikosignale gesehen.5

Die beiden mRNA-Impfstoffe unterscheiden sich bei den Transport- und Lagerungsbedingungen: Während das Produkt von BioNTech/Pfizer bei –90 bis –60 Grad Celsius gelagert werden muss, reicht beim Impfstoff von Moderna eine Temperatur zwischen –25 und –10 Grad Celsius.4

Vektor-Impfstoffe

Über einen anderen Mechanismus als bei den mRNA-Impfstoffen wird die Schutzwirkung bei den sogenannten Vektor-Impfstoffen erzielt. Um einen solchen Vektor-Impfstoff handelt es sich bei dem seit 29.01.2021 zugelassenen Impfstoff AZD1222 des Unternehmens AstraZeneca.6

Ein Vektor-Impfstoff (hier in unserem Fall gegen das Virus SARS-CoV-2) besteht aus für den Menschen unbedenklichen Viren (Vektoren), denen die Information für die Herstellung eines Stücks der Hülle des Coronavirus SARS-CoV-2 eingebaut wird. Der Vektor gibt diese Information nach der Impfung an wenige Zellen im menschlichen Körper weiter. Die Information lautet dann in etwa: „Liebe menschliche Zelle, bitte stelle ein kleines Stück von der Hülle des Coronavirus her!“

Es werden von den Immunzellen des eigenen Körpers, die Teile der Virenhülle erkennen, Antikörper gebildet. Das Immunsystem kann dann schneller mit einer Abwehrreaktion beginnen, wenn das SARS-CoV-2 tatsächlich in den Körper eindringt. Vektor-Impfstoffe sind nicht neu: Diese Art von Impfstoff ist bereits gegen das Dengue-Fieber oder gegen Ebola zugelassen.7  AZD1222 wurde in vier Studien mit knapp 24.000 Studienteilnehmern geprüft und kann offenbar ebenfalls vor der Entwicklung von COVID-19 nach einem Viruskontakt schützen. Die Schutzwirkung liegt den Studien zufolge bei 70 Prozent.6

Wichtigste Nebenwirkungen der Impfungen waren Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber, Kopfschmerzen sowie Muskelschmerzen. Die unerwünschten Reaktionen waren meist leichter Natur und vorübergehend.6 Langfristige Beobachtungen gibt es wie auch bei den mRNA-Impfstoffen bislang nicht. Auch bei AZD1222 sind zwei Impfungen zur vollständigen Schutzwirkung erforderlich.

Apropos:
Bei Fragen rund um das Thema „MS und Corona“ bieten die Mitarbeiter im MS-Begleiter Contact Center unter 0800 9080333 telefonische Beratung.

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) hat wichtige Informationen zur COVID-19-Impfung in einer übersichtlichen Pocketcard zusammengestellt, die Du hier herunterladen kannst.

Quellen:
1 Bundesministerium für Gesundheit, „Zusammen gegen Corona“, www.corona-schutzimpfung.de, https://www.zusammengegencorona.de/impfen/wirksamkeit-und-sicherheit/
2 Bundesministerium für Gesundheit, „Zusammen gegen Corona“, https://www.zusammengegencorona.de/impfen/so-sicher-ist-die-corona-schutzimpfung/
3 Sanofi, https://www.sanofi.com/en/our-covid-19-vaccine-candidates/FAQ
4 Bundesministerium für Gesundheit/Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/coronavirus-impfung-faq-1788988
5 Eckert N, Deutsches Ärzteblatt 2021; 118 (3): A82
6 GI Gesundheitsinformation, IQWiG, https://www.gesundheitsinformation.de/der-impfstoff-astrazeneca-azd1222-astrazeneca-zur-impfung-gegen-corona.html
7 Bundesministerium für Bildung und Forschung, https://www.bmbf.de/de/das-sollten-sie-ueber-impfstoffe-wissen-12724.html
MAT-DE-2100681 v1.0 (02/2021)