Dr. Kausch: „Halten Sie Rücksprache mit Ihrem Arzt“

Dr. Ulrich Kausch
Dr. Ulrich Kausch

Menschen mit Multipler Sklerose sind nicht per se stärker als Gesunde gefährdet, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Dennoch kann sich bei einer MS in Folge der Pandemie Handlungsbedarf ergeben. Warum deshalb generell eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt ratsam ist, erläutert Dr. Ulrich Kausch aus der MS-Schwerpunktpraxis im niederbayerischen Bogen in einem Interview.

MS-BEGLEITER: Herr Dr. Kausch, ist bei Vorliegen einer Multiplen Sklerose die Gefahr, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren oder die Erkrankung Covid-19 zu entwickeln, erhöht?

DR. KAUSCH: Nein, das Risiko ist nicht per se durch die MS erhöht. Es wird zwar überall darauf hingewiesen, dass Menschen mit einer Vorerkrankung besonders gefährdet sind, sich zu infizieren, damit aber sind vor allem Menschen mit vorbestehenden Herz-Kreislauf- oder Atemwegskrankheiten gemeint. Das heißt zugleich aber auch, dass Menschen mit MS, die zusätzlich zum Beispiel an Asthma oder einer anderen Lungenkrankheit leiden, verstärkt gefährdet sind. Das ist auch der Fall bei Menschen mit MS, die in ihrer Beweglichkeit sehr stark eingeschränkt sind und beispielsweise im Rollstuhl sitzen. Bei ihnen ist das Risiko etwas höher und es besteht auch die Gefahr, dass eine eventuell auftretende Erkrankung Covid-19 schwerer verläuft. Es gibt davon abgesehen Menschen mit MS, die infolge ihrer Therapie ein etwas erhöhtes Infektions- und auch Erkrankungsrisiko haben können. Das kann der Fall sein, wenn sie mit immunsupprimierenden Medikamenten behandelt werden.

MS-BEGLEITER: Wie sollten sich Menschen mit MS angesichts der Corona-Pandemie verhalten?

DR. KAUSCH:  Wir raten allen Patienten, die an MS leiden, zur Rücksprache mit ihrem behandelnden Arzt. Gemeinsam kann man dann im individuellen Fall das Gesamtrisiko abschätzen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen besprechen. In aller Regel reichen dabei die Schutzmaßnahmen aus, die auch der allgemeinen Bevölkerung geraten werden, also vor allem das Meiden sozialer Kontakte, das möglichst zu Hause Bleiben sowie eine verstärkte Hygiene, zum Beispiel durch regelmäßiges Händewaschen. Ergeben sich besondere Hinweise auf ein erhöhtes Risiko, wird man zu strengeren Maßnahmen wie einer
häuslichen Quarantäne raten. Das kann auch der Fall sein, wenn immunsupprimierende Medikamente eingenommen werden müssen, die gegebenenfalls das Infektionsrisiko erhöhen können.

MS-BEGLEITER: Welche Medikamente sind das und wie geht man dann vor?

DR. KAUSCH:  Ein erhöhtes Infektionsrisiko kann bei einigen Medikamenten auch unabhängig von der Corona-Pandemie für eine gewisse Zeit nach dem Behandlungsbeginn bestehen. In der derzeitigen Situation wird man als Arzt eine solche Therapie in aller Regel nicht beginnen, sondern zeitlich hinausschieben. Wurde die Therapie bereits eingeleitet oder ist möglicherweise aufgrund eines akuten Schubs eine Kortison-Stoßtherapie unvermeidbar, sollte man verschärft auf Schutzmaßnahmen achten und sich gegebenenfalls in häusliche Quarantäne begeben.

MS-BEGLEITER: Wie ist das umzusetzen, wenn man berufstätig ist?

DR. KAUSCH: Das sollte man mit seinem Arzt besprechen und gegebenenfalls um eine Krankschreibung bitten.

MS-BEGLEITER: Wie verhält man sich am besten, wenn man Sorge hat, das einzunehmende Medikament könnte die Immunabwehr schwächen und so das Infektionsrisiko steigern?

DR. KAUSCH: Keinesfalls sollte man Medikamente einfach weglassen aus Sorge, sie könnten das Infektionsrisiko steigern. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die MS verschlechtert und ein akuter Schub auftritt. Es ist ratsam, die Sorge mit seinem Arzt zu besprechen, der dann entscheiden wird, ob ein Handlungsbedarf besteht. Gegebenenfalls wird man zudem Blutkontrollen durchführen und anhand der Lymphozytenzahl sehen, ob möglicherweise zusätzlich ein Virostatikum gegeben werden sollte. Man sollte sich dabei nicht primär an den Hausarzt wenden, sondern an den Neurologen oder das neurologische Zentrum, das die MS-Therapie steuert und kontrolliert.

MS-BEGLEITER: Sollten sich Patienten mit MS in der heutigen Zeit noch impfen lassen?

DR. KAUSCH: Generell sollten Patienten mit MS einen umfassenden Impfschutz entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission STIKO besitzen. Das wird üblicherweise auch kontrolliert, ehe eine potenziell immunschwächende Behandlung eingeleitet wird. Steht eine Impfung an, so ist diese im Allgemeinen problemlos möglich, aber zumeist auch gut zeitlich zu verschieben. Die Influenza-Impf-Saison ist zudem gerade vorbei und andere Saison-Impfungen stehen derzeit nicht an.

MS-BEGLEITER: Herr Dr. Kausch, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.