Prof. Bittner: Koffer packen und nix wie weg?

Professor Dr. Stefan Bittner über Reisevorbereitungen bei Multiple Sklerose
Prof. Dr. Stefan Bittner

Reisen gehört für viele von uns zu unseren liebsten Hobbies. Nicht umsonst werden die Urlaubstage oft als die schönste Zeit des Jahres bezeichnet. Die Urlaubsgestaltung ist dabei individuell sehr unterschiedlich. Den einen zieht es in die Berge, den anderen an den Strand und wieder andere möchten ferne Länder und fremde Kulturen kennenlernen. Wer an gesundheitlichen Einschränkungen wie der Multiplen Sklerose leidet, ist gut beraten, sich rechtzeitig über die Reisemodalitäten und die Situation am Urlaubsort zu informieren. Was hierbei zu beachten ist, erläutert Professor Dr. Stefan Bittner vom Universitätsklinikum Mainz.

(Dieses Interview erschien in der MS persönlich, der MS-Begleiter Zeitschrift.)

Zur Person:
Professor Dr. Stefan Bittner ist Leiter der Sektion Neuroimmunologie am Universitätsklinikum Mainz. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Multiple Sklerose.

MS PERSÖNLICH:  Herr Professor Bittner, was gehört zu einer guten Urlaubsvorbereitung, wenn man an einer Multiplen Sklerose erkrankt ist?

PROF. BITTNER: Bevor der Urlaub konkret gebucht wird, sollte man sich genau klar machen, was man von der Reise erwartet. Soll sie der Erholung dienen oder möchte man eher sportlich aktiv sein oder möglicherweise fremde Länder erkunden? Man sollte sich zudem überlegen, was man sich gesundheitlich zumuten kann und möchte. Gut zu überlegen ist, ob mit MS Klettertouren und Ferien, in denen Extremsportarten gefrönt wird, das Richtige sind. Und wer sehr hitzeempfindlich ist, wird besser einen Urlaub in den Bergen buchen statt Ferien am Strand oder Reisen in die Tropen. Ansonsten kann der Urlaub weitgehend frei gestaltet werden. Allerdings sollte man sich gut über die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten vor Ort informieren, für einen adäquaten Impfschutz sorgen und auch sorgfältig eine individuelle Reiseapotheke packen.

MS PERSÖNLICH:  Was ist in puncto Transportmittel und Unterkunft vor Ort zu bedenken?

PROF. BITTNER: Vor allem wenn körperliche Einschränkungen bestehen, ist zu überlegen, wie anstrengend die Reise sein darf und welches Transportmittel ideal ist. Bei Flugreisen steht die Frage an, ob es einen Direktflug gibt oder man unter Umständen das Flugzeug wechseln muss. Ähnlich ist es bei Bahnfahrten. Diese können sehr anstrengend werden, wenn man mehrfach umsteigen muss. In solchen Fällen ist es sinnvoll nachzufragen, ob das Gepäck direkt von der Bahn transportiert werden kann. Wer sich für eine Reise per PKW entscheidet, muss andererseits regelmäßige Pausen und somit ausreichend Zeit einplanen. Bei der Wahl der Unterkunft am Urlaubsort ist zu klären, ob diese den individuellen Bedürfnissen gerecht wird, zum Beispiel ob Treppen zu bewältigen sind oder ob die Einrichtungen des gewählten Hotels barrierefrei zu nutzen sind.

«Vor Reiseantritt die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung am Zielort klären»

 

MS PERSÖNLICH:  Was ist hinsichtlich einer möglichen gesundheitlichen Versorgung am Urlaubsort zu klären?

PROF. BITTNER: Schon vor der Reisebuchung sollte klar sein, ob es am Zielort einen Neurologen oder ein neurologisches Zentrum gibt, in dem man behandelt werden kann, falls ein akuter Krankheitsschub auftreten sollte. Für diesen Fall kann man zudem vorsorglich ein Kortisonpräparat in Tablettenform quasi als Stand-by mitführen, wenn eine gute medizinische Versorgung eventuell nicht gewährleistet ist. Sinnvoll ist außerdem, eine kurze Krankheitsgeschichte in deutscher und englischer Sprache dabei zu haben. Ganz wichtig ist, dass man alle Medikamente, die man benötigt – MS-Therapeutika wie auch andere Arzneimittel – in ausreichender Menge für die gesamte Reisezeit mit sich führt. Denn vor allem bei Auslandsreisen ist nicht sichergestellt, dass man am Urlaubsort das gewohnte Präparat beziehen kann.

Übrigens gehört die Reiseapotheke bei Flugreisen nicht in den Koffer, da dieser unter Umständen verloren gehen kann, sondern unbedingt ins Handgepäck. Sind für die Verabreichung der Medikamente Nadeln, Fertigspritzen oder Pens erforderlich oder müssen Arzneimittel während der Reise gekühlt werden, sollte man sich vorher erkundigen, ob Schwierigkeiten beim Zoll oder bei der Sicherheitsabfertigung drohen können. Das ist anders bei einer Infusionstherapie, bei der die Medikamente in großem zeitlichem Abstand gegeben werden. Bei einer solchen MS-Therapie muss man aber sicherstellen, dass die notwendigen Kontrolluntersuchungen regelmäßig wie angeordnet erfolgen können – notfalls auch vor Ort. Werden diese Ratschläge beherzigt, steht einem erholsamen Urlaub meist nichts mehr im Weg.

MS PERSÖNLICH: Herr Professor Bittner, haben Sie vielen Dank für das Interview.