MS und Corona: Interview mit Frau Schmidt-Völkner vom MS-Begleiter Contact Center

Dr. Ulrich Kausch
Karin Schmidt-Völkner vom MS-Begleiter Contact Center

 

Bin ich durch die Multiple Sklerose besonders gefährdet, mich mit dem SARS-2-Virus zu infizieren? Wie groß ist im Fall einer Infektion das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf? Welche Auswirkungen haben meine Medikamente darauf? Kann ich diese noch weiter einnehmen?

 

"Vor allem zu Beginn der Pandemie war die Unsicherheit groß"

 

Vor allem in der Anfangsphase haben sich viele Menschen mit MS mit solchen und ähnlichen Fragen an das MS- Begleiter Contact Center gewandt. Wie groß die Verunsicherung war und wie sich seither die Situation geändert hat, erläutert Karin Schmidt-Völkner, die als speziell geschulte Krankenschwester im Contact Center Fragen der Patienten am Telefon beantwortet.

MS-BEGLEITER: Frau Schmidt-Völkner, rufen viele Patienten im MS-Begleiter Contact Center mit Fragen zur Corona-Pandemie an?

SCHMIDT-VÖLKNER:  Vor allem in der Anfangszeit der Pandemie war die Verunsicherung hoch und es haben sich sehr viele besorgte MS-Betroffene und auch Angehörige mit ihren Fragen an uns gewandt. Inzwischen geht das Aufkommen der Anfragen zurück und auch das Fragenspektrum hat sich geändert. Nach wie vor aber melden sich Betroffene, weil sie zu bestimmten Fragestellungen rund um die Corona-Pandemie Rat suchen.

MS-BEGLEITER: Welche Fragen standen anfangs im Vordergrund und wie hat sich das geändert?

SCHMIDT-VÖLKNER: Bei den Fragen ging es anfangs vor allem um das Infektionsrisiko. In den Medien war überall zu hören und zu lesen, dass Menschen mit Vorerkrankungen besonders gefährdet sind, sich zu infizieren und auch ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf aufweisen. Das hat viele Menschen mit MS verunsichert und es stand oft die Frage im Vordergrund, ob die MS zu den Vorerkrankungen gehört, die das Infektionsrisiko steigern.

Ein zweiter Fragenkomplex betraf die Behandlung der MS und die Frage, ob die verordneten Medikamente unverändert eingenommen werden sollen oder ob mit Blick auf die Pandemie eine Änderung der Medikation angezeigt ist. Inzwischen geht es mehr um die Fragen, wie man sich in seinem Alltag am besten vor einer Infektion schützen kann.

MS-BEGLEITER: Wie haben Sie Anrufern helfen können?

SCHMIDT-VÖLKNER:  In aller Regel haben wir die besorgten Anrufer beruhigen können. Sehr rasch gab es aktuelle Stellungnahmen des Kompetenznetzes Multiple Sklerose wie auch der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft, die die Situation bei der MS konkret dargestellt haben. Demnach trägt nicht prinzipiell jeder, der eine MS hat, ein erhöhtes Infektionsrisiko. Andererseits können Patienten mit relevanten Behinderungen und auch solche unter einer direkt immunsuppressiven Behandlung durchaus einem höheren Risiko ausgesetzt sein. Diese Informationen haben wir an die Patienten entsprechend deren individuellen Fragen weitergegeben.

Wir konnten den meisten Anrufern damit helfen. Wir haben die Anrufer zudem eingehend auch zu den Möglichkeiten der Infektionsprophylaxe aufgeklärt, was fast immer sehr dankbar aufgenommen wurde. In Zweifelsfällen und vor allem bei Fragen zur Medikation haben wir den Anrufern geraten, Kontakt zu ihrem Neurologen aufzunehmen und das Thema mit ihm direkt zu besprechen. Dabei haben wir auch über die Möglichkeiten von Telefon- und Videosprechstunden aufgeklärt, wie sie von vielen Ärzten vermehrt angeboten werden.

Ähnliches gilt für die begleitenden Therapien wie etwa die Physiotherapie. Auch in diesem Bereich wurden und werden vermehrt Online-Kurse mit Anleitungen für Übungen zu Hause angeboten. Wir haben die Anrufer motiviert, solche Angebote nachzufragen. Außerdem haben wir in diesem Zusammenhang auch auf entsprechende Übungen hingewiesen, die auf dem MS-Begleiter-YouTube Kanal sowie in der Patientenzeitschrift "MS persönlich" vorgestellt werden und wir haben die verfügbaren Materialien den Anrufern auch zugeschickt. So konnten wir vielen Ratsuchenden neue Wege und Möglichkeiten aufzeigen, adäquat mit der veränderten Situation umzugehen, was meist sehr dankbar aufgenommen wurde.

MS-BEGLEITER: Was hat sich im Vergleich zur Anfangszeit gerändert?

SCHMIDT-VÖLKNER: Es gibt inzwischen weniger Fragen zur Risikosituation. Im Vordergrund steht vielmehr der Infektionsschutz und es wird vor allem gefragt, wie man nun im persönlichen Alltag mit dem Infektionsrisiko umgehen sollte. Viele Anrufer möchten wissen, wie sie sich im öffentlichen Leben verhalten sollen, ob sie generell eine Mund-Nasen-Maske tragen sollten, wie hoch die Schutzwirkung ist und was sie darüber hinaus tun können, um möglichst nicht infiziert zu werden. Wir geben die aktuellen Informationen weiter und klären im persönlichen Gespräch zum Beispiel, was man im Umgang mit Freunden beachten sollte, was beispielsweise bei Arztbesuchen oder der Physiotherapie oder auch hinsichtlich geplanter Rehabilitationsmaßnahmen zu bedenken ist.

Bei allgemeinen Fragen verweisen wir auch auf die Internetseite des Robert Koch-Instituts sowie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wo sich die Patienten weiter informieren können. Es gibt allerdings auch heutzutage nicht wenige Menschen, die im Umgang mit dem Internet wenig geübt sind. Für diese Menschen ist das persönliche Gespräch vor allem in Krisenzeiten, wie wir sie durch die Corona-Pandemie erlebt haben, nach unserer Erfahrung von besonderer Bedeutung. Davon abgesehen fragen viele MS-Betroffene derzeit nach, wie sie ihr Immunsystem auf natürliche Weise stärken können. Wir beraten die Anrufer entsprechend und schicken ihnen gegebenenfalls auch weiterführendes Informationsmaterial zu.

MS-BEGLEITER: Wie haben Sie sich im Contact Center informiert, um die Anfragen beantworten zu können?

SCHMIDT-VÖLKNER: Wir haben selbstverständlich selbst die seriösen Quellen studiert, also die Seiten des Robert Koch-Instituts, der Gesundheitsbehörden sowie der DMSG etc. Darüber hinaus haben wir uns in Telefonkonferenzen in unserem Team darüber ausgetauscht, welche drängenden Fragen bei den Patienten anstehen und wie diese zu beantworten sind.

MS-BEGLEITER: Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monate und was erwarten Sie hinsichtlich der künftigen Entwicklung?

SCHMIDT-VÖLKNER: Wir alle haben in den vergangenen Wochen und Monaten sehr viel gelernt. Das gilt für Menschen mit MS ebenso wie für uns Fachkräfte hier im Contact Center. Es haben sich neue Strukturen für uns in der Weiterbildung und im Verfolgen tagesaktueller Informationen zu der Pandemie entwickelt und wir haben gelernt, auch in einer solchen Krisensituation weiterhin effektiv unserer Beratungsarbeit nachgehen zu können. Und wir sind sicherer geworden im Umgang mit der Infektion und in den Möglichkeiten, uns in unserem Alltag effektiv vor einer Ansteckung zu schützen.

Wir haben durch die Krise ferner gelernt, was uns in unserem Leben wichtig ist und wie wertvoll Dinge sind, die wir bis dato ganz selbstverständlich hingenommen haben. Das sind wertvolle und auch zukunftsträchtige Aspekte und Erfahrungen. Denn wir müssen uns bewusst sein, dass die Pandemie noch keineswegs vorbei ist und ein Impfstoff und damit ein grundsätzlicher Infektionsschutz bislang nicht verfügbar ist. Der Umgang mit den Problemen in der Krise hat zudem zu einem neuen „Wir-Gefühl“ geführt und es steht zu hoffen, dass wir die Sicherheit, die sich aus einem solchen Bewusstsein ergibt, lange erhalten können.

MS-BEGLEITER: Frau Schmidt-Völkner, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Apropos:
Unter der Telefonnummer 0800 9080333 können Menschen mit MS wie auch ihre Angehörigen bei Fragen rund um die Multiple Sklerose kostenfrei telefonisch Rat erhalten.

MAT-DE-2000958 v1.0 07/2020