Tango tanzend zurück ins Leben

Inga und ihr Partner beim Tangotanzen

Das Tanzen war ihr Leben. Anfang 2008 erhielt Inga Steinmüller dann jedoch die Diagnose Multiple Sklerose. Nach dem ersten Schock hat die begeisterte Tänzerin quasi aus der Not eine Tugend gemacht. Sie bietet mittlerweile als Tanzlehrerin Kurse für Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose an.

Die junge Frau war als professionelle Tänzerin auf der Karriereleiter und machte eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin. Mit 24 Jahren kam dann das Aus. Es traten Sehstörungen auf und es wurde eine Multiple Sklerose diagnostiziert. „Damals bin ich tief gefallen, es war eine schwierige Zeit für mich“, sagt Inga. Sie reagierte zunächst mit Depressionen, suchte dann jedoch eine Selbsthilfegruppe auf, was ihr im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine half. „Nicht mehr tanzen zu können, war für mich undenkbar“, erzählt die heutige Tanzlehrerin.

Zwar war mit der MS eine Karriere als professionelle Tänzerin nicht mehr möglich, aber das Tanzen wollte Inga keinesfalls lassen. Zwei Jahr nach der Diagnose machte sie einen Tangokurs in der Tanzschule „La Yumba“ mitten auf Sankt Pauli in Hamburg. Der Tango Argentino hat Inga nicht mehr losgelassen. Zusammen mit ihrem Tanzpartner Ivano Bertazzo, einem der Inhaber des La Yumba, hat sie Tango-Argentino-Kurse für Menschen mit neurologischen Erkrankungen und körperlichen Einschränkungen entwickelt.

Tango Argentino

Spricht man hierzulande vom Tango, ist meist der europäische Tango gemeint, der als Standard- und Turniertanz getanzt wird. Er hat wenig gemein mit dem Tango Argentino, einer Tangoform, die wie der Name schon sagt, aus Argentinien stammt. Die beiden Tänze unterscheiden sich erheblich voneinander. Während der europäische Tango als „Schwungtanz“ durch abrupte Wechsel des Tempos und der Bewegung charakterisiert ist, wird der Tango Argentino als Improvisationstanz im gekreuzten System mit fließenden Bewegungen der sehr eng zueinander stehenden Tanzpartner getanzt. Das kann dazu beitragen, neue neuronale Verbindungen im Gehirn entstehen zu lassen. Der Tango Argentino ist damit ideal für Menschen mit körperlichen Einschränkungen geeignet.

Tanzen – auch wenn man nur mit Gehstützen gehen kann

Denn entgegen der landläufigen Meinung ist das Tanzen für Menschen mit MS keinesfalls unmöglich. Es ist sogar eine regelrechte Therapie: „Das Tanzen fördert die Koordinationsfähigkeit und den Gleichgewichtssinn“, erklärt Inga. Bei vielen Betroffenen bessern sich durch die Bewegung die körperlichen Einschränkungen, aber auch die geistige Leistungsfähigkeit und darüber hinaus weitere Symptome wie die massive Müdigkeit, die sogenannte Fatigue.

Auch Menschen mit starken motorischen Einschränkungen können oftmals tanzen: „Wir hatten bei uns schon Tanzschüler, die mit Gehstützen gelaufen sind. Das Tanzen war ihnen dennoch möglich. Denn dabei stützen wir uns gegenseitig.“ Die Geselligkeit während der Kurse und der Austausch mit anderen Menschen mit Handicap tut ein Übriges, das Wohlbefinden und die Lebensfreude in den Alltag zurückzubringen.

Inga tanzt seit ihrem 8. Lebensjahr. Angefangen mit Ballett, Jazz, Modern Dance kam später noch Improvisationstanz dazu. Nach der Diagnose MS entdeckte sie 2009 den argentinischen Tango für sich. Im gleichen Jahr absolvierte sie eine Ausbildung zur Pilates-Kursleiterin und zur C-Lizenz-Trainerin im Breitensport. Sie arbeitet mit Kindern und Erwachsenen. Unter anderem gibt sie Pilateskurse in der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Hamburg. Seit 2011 unterrichtet sie Tango Argentino im La Yumba. Inga: „Für mich ist der Tango Argentino eine Möglichkeit, der MS tänzerisch entgegenzuwirken. Eine Herausforderung - ja, aber zugleich ein guter Weg, auch weiterhin tanzen zu können und dadurch mein Gleichgewicht und Körpergefühl auf allen Ebenen zu verbessern.“

Mehr von Inga auf YouTube in ihrem 1000-Gesichter-Video- Porträt „Inga - Bewegung und Tanz mit MS“.

Apropos

Inzwischen bieten viele Tanzschulen spezielle Tanzkurse für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen an. Suche im Netz nach „Tanz für Menschen mit Behinderung“ oder „Integrativer Tanz“. Bestimmt gibt es auch Angebote in Deiner Region.

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