Carpe diem – Geh achtsam mir Dir und Deiner Gesundheit um

Fokus carpe diem

Sich der Hektik des Alltags bewusst zu entziehen, dem Termindruck zu widerstehen, also quasi zu „entschleunigen“ – wer würde sich das in der heutigen Zeit nicht immer wieder einmal wünschen? Für Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose ist es besonders wichtig, achtsam mit sich selbst und mit seiner Gesundheit umzugehen, sich Herausforderungen, die an uns gestellt werden, auch einmal zu widersetzen und dem Leben mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Das hört sich schwierig an – doch Achtsamkeit mit sich selbst kann man lernen. Fang am besten gleich damit an – die beste Zeit ist jetzt!

Achtsam zu sein, lernen wir schon in der Kindheit. So haben unsere Eltern uns Vorsicht beim Überqueren der Straße beigebracht und wohl jeder kennt den Volksspruch „Messer, Gabel, Schere, Licht …“.

Achtsam mit sich selbst umzugehen, ist wichtig für Menschen mit Multipler Sklerose

Doch wir sind nicht darin trainiert worden, das Smartphone öfter einmal für eine gewisse Zeit aus der Hand zu legen, bewusst „nein“ zu sagen, wenn Wünsche und Anforderungen an uns herangetragen werden und mal fünf gerade sein zu lassen, wenn der Alltag an unseren Kräften zehrt. Das rächt sich, wenn die Leistungskraft eingeschränkt ist – sei es in besonders belastenden Lebenssituationen wie beispielsweise bei einem akuten Schub der Multiplen Sklerose oder ganz allgemein mit zunehmenden Lebensjahren.

Nicht die eigenen Wünsche hintenanstellen
Statt auf uns und unsere Bedürfnisse zu hören, sind wir es gewohnt, auf die Bedürfnisse anderer zu achten. Wir wollen im Beruf „unseren Mann“ stehen, die Familie optimal versorgen, uns Zeit für die Kinder nehmen, die hilfsbedürftigen Eltern unterstützen und wenn nötig sogar pflegen. Zu oft bleibt dabei das „Ich“ auf der Strecke, eigene Wünsche werden hintenangestellt, die Kraftressourcen werden im Alltag aufgerieben.

Die Gefahr ist groß, dass in einer solchen Situation negative Gedanken und Ängste vor der Zukunft überhandnehmen, dass die Krankheit als zusätzliche Last und als Gefahr erlebt wird und die Lebensqualität auf der Strecke bleibt. „Doch achtsam mit sich selbst umzugehen, ist wichtig für Menschen mit Multipler Sklerose“, sagt Kathrin Betzinger, MS-Schwester und Studien-Nurse in einer MS-Schwerpunktpraxis im bayerischen Bogen.

Auf die To-do-Liste setzen: „Carpe Diem“
Aber viele Patienten müssen es nach ihrer Erfahrung erst wieder lernen, ihre Prioritäten im Leben neu zu setzen und sich selbst wieder mehr in den Mittelpunkt des Erlebens zu rücken. Dabei geht es, so Betzinger, auch darum, das „Carpe Diem“ quasi auf die „To-do-Liste“ zu setzen, jeden Tag bewusst zu leben und sich am Leben zu erfreuen. „Genau das aber sind viele Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr gewohnt“, so die Erfahrungen der MS Nurse. Das kann zur Überlastung führen und stressbedingtes Fehlverhalten – von einer ungesunden Ernährung bis zum Rauchen – fördern. Stress kann außerdem direkt die Hirnaktivität beeinflussen und bei der MS den Krankheitsverlauf ungünstig modulieren und sogar das Auftreten von Behinderungen forcieren1

Nicht in Watte packen – aktiv sein
Das bedeutet keineswegs, sich in Watte zu packen und sich nichts mehr zuzumuten. Im Gegenteil: „Dank der Fortschritte bei der Behandlung ist es vielen Patienten möglich, weitgehend unbeeinträchtigt von der MS zu leben“, sagt Dr. Ulrich Kausch, Praxis für Neurologie und Psychiatrie in Bogen/Bayern.

Es gilt, weiterhin ein aktives Leben zu führen und dabei seine Grenzen zu respektieren

Für Menschen mit MS sollte es demnach selbstverständlich sein, sich über die Erkrankung gut zu informieren, um die Hintergründe zu verstehen und die Notwendigkeit einer konsequenten Behandlung zu akzeptieren. Zur Achtsamkeit mit sich selbst gehört aber auch, die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen beim Arzt wahrzunehmen und offen mit dem Arzt zu sprechen, wenn die Therapie nicht zufriedenstellend „anschlägt“ oder die Handhabung des verordneten Arzneimittels im Alltag Schwierigkeiten bereitet.

Behandlung entsprechend den individuellen Bedürfnissen
„Wir haben inzwischen ein breites Sortiment an möglichen Therapieoptionen und können auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten besser denn je eingehen“, erklärt Dr. Kausch. Das gewählte Behandlungsregime muss nach seinen Worten zum individuellen Patienten und seiner Krankheitsaktivität passen. Ist das der Fall, so wird der Betreffende mit der Behandlung zufrieden sein und das ist, so Kausch, „eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Patient die Behandlung wie verordnet durchführt und dass sich der erwartete Therapieerfolg tatsächlich einstellt“.

In einigen Fällen ist es dann sogar möglich, bereits aufgetretene Behinderungen wieder zurückzubilden. Gelingt dies nicht, so sollte der Betreffende laut Kausch lernen, die Behinderung als Grenze in seinem Alltag zu akzeptieren: „Man sollte nicht immer wieder krampfhaft versuchen, die Grenze zu überwinden“. Denn das führt in aller Regel zu Frustrationen und kann Verzweiflung und Depressionen Vorschub leisten.

Das Leben tagtäglich genießen
Schafft man es jedoch, die Behinderung zu akzeptieren, so gibt es im Allgemeinen gute Möglichkeiten, das Leben trotz der Einschränkung aktiv zu gestalten und zu genießen. An einer chronischen Erkrankung wie der MS zu leiden, kann dabei durchaus auch eine Chance zur Änderung seiner Einstellung zum Leben sein, meint Dr. Kausch: „Es gibt Patienten, die vor dem Hintergrund der Erkrankung lernen, ihr Leben wieder bewusster wahrzunehmen, ihrem Alltag eine Wendung zu geben, ihn zu entschleunigen und wieder mehr schöne Dinge im Leben zu finden“. Patienten, die dies schaffen, berichten laut den Erfahrungen des Neurologen nach nur kurzer Zeit davon, ihr Leben mit mehr Lebensqualität zu führen.

Apropos


Gute Vorsätze und die häufigsten Ausreden
Gute Vorsätze haben wir alle und jeder weiß, was daraus meist wird. Denn es ist schwer, sein gewohntes Verhalten zu ändern. Meist findet sich eine gute Ausrede.

Wer gar nicht erst versucht, seine Vorsätze in die Tat umzusetzen, wird nicht erfahren, wie gut es sich anfühlt, sich fitter nach nur ein paar Stunden Sport zu fühlen, ein paar Kilo weniger mit sich herumzutragen, die Natur bei einem Spaziergang zu genießen und/oder den Akku beim Chillen auf dem Sofa wieder aufzuladen.

Da hilft es nur, kurzerhand einmal den inneren Schweinehund zu überwinden – die beste Zeit ist jetzt!

GZDE.MS.20.01.0025