Torsten
Torsten

Ho Ho Ho vs. Nee Nee Nee – Weihnachten 2021

Weihnachtsmarkt mit Lichterketten in Soest

Eigentlich wollte ich Euch einen schönen Beitrag über „meinen Weihnachtsmarkt“ in Soest schreiben, mit tollen Fotos und Bildern aus der Rolli-Perspektive. Das wird auch so ähnlich kommen, aber doch nicht so, wie ich gedacht habe.

Das ist das zweite Weihnachten in Folge, das man nicht so feiern kann, wie die meisten Menschen es kennen und gerne hätten. Das zweite Weihnachten in Folge, bei dem sich viele Menschen nicht unbekümmert treffen können, sich nicht gegenseitig in den Arm nehmen können oder Opa und Oma nur einen Kuss geben können. Nee Nee Nee statt Ho Ho Ho …

Das Foto oben zeigt einen kleinen Teil von unserem Weihnachtsmarkt in Soest. Es ist spät und die Buden haben zu, der Frohsinn ist nach Hause gegangen. Übrig geblieben sind die Security-Mitarbeiter, ich und die Beleuchtung, die aber auch gleich ausgeht. Was bleibt von diesem schönen Weihnachtsbummel über unseren Markt?

Ich habe Fotos von dem verlassenen Weihnachtsmarkt gemacht und immer, wenn irgendwo eine Lampe ausgegangen ist, wurde mir klar, wie gut es mir selber geht. Ich kann fast alles machen, was ich möchte.

Wie erlebe ich persönlich unseren Weihnachtsmarkt in Soest?

Als Erstes will ich sagen, dass unser Weihnachtsmarkt einer der schönsten Weihnachtsmärkte in Westfalen ist! Wie mein Kollege und Komiker Johann König (aus Soest) immer sagt: „Man muss sich das immer und immer und immer wieder sagen, dann glaubt man es auch.“ 😉

Laut dem WDR zählt der Markt aber wirklich zu den schönsten Weihnachtsmärkten. Er gehört gleich nach der Allerheiligenkirmes zu den besten Veranstaltungen des Jahres! 

(Hier auch ein Eindruck zur Allerheiligenkirmes von mir: https://www.ms-begleiter.de/einblick-blog/torsten/mit-dem-rollstuhl-ueber-die-allerheiligenkirmes-soest-europas-groesste )

 

Ich wurde kürzlich gefragt, wie ich diese Märkte als Rollifahrer erlebe. Dieses Jahr waren bei beiden weniger Besucher da als sonst (bin ich nicht traurig drum) und ich bin mit meinem Rolli sehr gut durchgekommen. Die meisten Menschen haben sich gut und rücksichtsvoll mir gegenüber verhalten (... ich den Leuten gegenüber auch zu 99,9 % 😉).

Impression vom Soester Weihnachtsmarkt mit Stadtkulisse

Ich mag ja den Rummel auf der Kirmes oder dem Weihnachtsmarkt, es ist echt selten, dass es mir zu viel wird. Wenn es doch mal zu voll wird, denke ich mir: „Was soll schon großartig passieren? Ich sitze in einem 125-kg-Rollstuhl, der kippt nicht so schnell um!“  Aber Spaß beiseite: Ich kenne jede kleine Gasse oder jeden Weg in der Altstadt, wenn es wirklich nicht mehr gehen würde, dann habe ich eigentlich immer die Möglichkeit, mich in eine kleine Gasse zu verdrücken.

Gedränge auf dem Weihnachtsmarkt aus der Rolli-Perspektive

Und ich mag auch die kleinen Eindrücke des Marktes: Als ich vor ein paar Tagen über den Weihnachtsmarkt gerollt bin, habe ich echt eine halbe Stunde neben einem Reibekuchenstand gestanden und habe mir diesen leckeren Geruch reingezogen. Ihr könnt mich jetzt für bescheuert halten, aber für mich gehören ein vernünftiger Duft und Weihnachtsmusik einfach dazu.

Ich habe auch eine blinde Bekannte, mit der ich manchmal ein Stück über den Markt gehe. Länger hält sie es mit mir dort nicht aus, weil ich ihr angeblich zu peinlich wäre, nur weil ich manchmal rufe „Vorsicht, Behinderte kreuzen den Weg!“ … (okay, mein Humor ist manchmal speziell).

Wenn wir unterwegs sind, riecht sie dabei Sachen, von denen ich gar nicht wusste, dass die da sind. Dadurch ist sie auch ein guter Spürhund, wenn es um Essen oder Trinken geht! (Das ist jetzt nicht frech von mir, ich durfte das so schreiben 😊).

Beleuchtete Weihnachtssterne
Trolle mit Bart und Filzmütze

Schattenfamilien in der Pandemie

Ich komme mit der aktuellen Situation eigentlich noch relativ gut zurecht. Ich habe jedoch auch von einigen Menschen gehört, die wegen der Pandemie ihr komplettes Leben ändern mussten.

Habt Ihr schon mal den Ausdruck „Schattenfamilien“ gehört oder gelesen? Ich bis dahin noch nicht. Schattenfamilien nennt man Familien mit einer gesundheitlich besonders gefährdeten Person (oft Kinder) in der Familie.

Die Familienangehörigen können seit Beginn der Pandemie so gut wie an keiner Veranstaltung teilnehmen. Auch Feste, öffentliche Verkehrsmittel oder auch nur einkaufen in Geschäften ist nicht drin. Das Risiko ist wegen der Ansteckungsgefahr zu hoch.

Die Kinder können nicht mehr geregelt in die Schule gehen, die Eltern müssen Angst haben, den Virus von der Arbeit mit nach Hause zu bringen, die Geschwister können auch nicht mehr das tun, was sie vor der Pandemie getan haben.

Silhouette einer Schattenfamilie

Diese Menschen gibt es auch in der MS-Community. Insbesondere wenn durch bestimmte Therapien das Immunsystem unterdrückt wird, ist das Ansteckungsrisiko höher und sie müssen deshalb besonders aufpassen. Marie hat als Betroffene zum Beispiel mal was dazu geschrieben: https://www.ms-begleiter.de/einblick-blog/marieg/ich-sehe-uns-gemeinschaftlich-mit-zuversicht-und-mut

Man kann sich kaum vorstellen, wie es diesen Familien oder auch betroffenen Verwandten gehen muss. Fast zwei Jahre so gut wie nix mehr machen zu können. Ich für meinen Teil gehe seit dem Anfang der Pandemie eher freiwillig den Mitmenschen mehr oder weniger aus dem Weg. Trotz meiner MS bin ich jetzt nicht unbedingt gefährdeter als Nicht-Behinderte, aber ich möchte halt nicht wegen dem Virus im Krankenhaus landen oder gar daran sterben.

Es stimmt mich sehr traurig und macht mich auch echt sauer, dass es eine kleine, aber laute Minderheit gibt, die meiner Meinung nach mit ihrem unfassbar blödsinnigen Verhalten die jetzige Situation immer wieder anheizen.

Ich könnte über solche Menschen ein ganzes Buch schreiben und meinen Gedanken freien Lauf lassen …, aber ich wollte hier ja über positivere Dinge schreiben. Vielleicht bringt es trotzdem den einen oder anderen zum Nachdenken.

Jetzt deshalb zum positiven Abschluss dieses Beitrags, meine lieben Freunde, noch ein paar Fotos vom Weihnachtsmarkt in Soest. Ich hoffe, euch gefallen diese kleinen Eindrücke und vielleicht schaut ihr im nächsten Jahr auch mal vorbei!

Ich wünsche euch allen eine schöne restliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Euer Torsten von RolliArt

Altes Holzkarussell auf dem Weihnachtsmarkt
Backofen mit Holzscheite
Weihnachtlich dekorierte Fachwerkhäuser
Mittelalterliche Gebäude angestrahlt im Dunklen
Wasserfläche mit leuchtenden Kugeln und Stadtsilhouette im Hintergrund

PS: Ach ja, falls ihr oder jemand, den ihr kennt, in dieser schönen, aber auch teilweise bedrückenden Zeit Hilfe benötigt, dann werdet bitte aktiv und holt euch Unterstützung!

Ich habe euch hier mal den Kontakt von der Telefonseelsorge rausgesucht. Solltet ihr Hilfe oder nur jemanden zum Reden brauchen, dann scheut euch nicht und nehmt Kontakt zu den wirklich netten Menschen auf.

Per Telefon 0800 111 0 111 , 0800 111 0 222 oder 0800 116 123, per E-Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de

Alles Liebe!

Kleine lächelnde Elchfigur mit Weihnachtskranz
MAT-DE-2106079-1.0-12/2021